Leseproben

Spuren

Brief an Dich

Herbst. Nicht einer dieser trüben, grauen, nebeldurchwirkten. Welch glasklarer Tag, voller Gold auf den Wiesen.
Eine gleißende Sonne tanzt durch kahle Äste, spielerisch meinem Blick zum Narren haltend. Doch diese Sonne ist kalt. Fröstelnd ziehe ich die Schultern hoch, verschränke die Arme vor der Brust und schaue auf das Fleckchen Erde, einsfünfzig mal zwei Meter breit, das Kleingärtnerherz vermutlich höher schlagen lassen würde.
Die Nelken sind etwas unansehnlich geworden, der Blumenstrauß jedoch, den mir Freunde zum Geburtstag geschenkt haben, ist noch frisch, konserviert von der wohltuenden Kälte nach einem schmutzig verschwitzten Sommer. Rechts von den Feldern erheben sich Zugvögel zum Himmel, in exakter Ordnung ihr Flug, doch ihre Schreie sehnsuchtsvoll, von grenzenloser Freiheit getragen. Dann wieder Stille. Allein auf dieser Welt, allein mit der Göttin. Eine Minute noch Schweigen, in wohltuender Isolation der Seele lauschend.
Dann wende ich mich ab, noch ohne Wehmut. Kleingartenbeete, eines neben dem anderen, teils in versuchter Verdrängung pedantisch gepflegt, teils sträflich vernachlässigt, vereinsamt, vergessen, stehen Spalier.
Das alte Friedhofstor fällt quietschend hinter mir ins Schloß. Überall auf den Straßen der Duft von gebratenem
Fleisch, gekochtem Gemüse, der verlockend aus halbgeöffneten Küchenfenstern dringt. Das hat sich tatsächlich noch nicht verändert. Das war schon vor fünfundzwanzig Jahren so. Sonntagmittag. Als wir durch die Straßen gingen, um die Zeit vor dem Essen nicht zu lang werden zu lassen. Ein Mann und ein Kind. Hand in Hand.
Herz in Herz. Und dann endlich die Erinnerung, die wirkliche Erinnerung an den , dessen Namen ich so eben noch auf einem Grabstein gelesen habe.

         FRITZ HARTMANN                  *18.11.05              + 08.09.81

Hatte geglaubt, daß hinter diesen geöffneten Sonntagsfenstern Idylle herrscht, immer und überall.
Hast mich nie eines Besseren belehrt.
Warst einer von denen, die noch keulen konnten, noch buckeln, den Chef nach Hause einluden, wo seine Zigarettenmarke bereitlag. Hast wieder im Geschäft gestanden, vier Wochen nur nach dem Infarkt, als ein Zwerg, gerade mal drei Jahre alt, Dir noch einmal das Laufen, noch einmal das Leben beibrachte in unendlicher Geduld und ohne zu fragen, mit der Selbstverständlichkeit, wie sie nur zwischen zwei Kumpanen bestehen kann, zwischen verbandelten Seelen, unantastbar in ihrer Liebe, immun gegen alle Stürme dieser Welt.

Haben uns eine Zeit geschenkt, die nicht jedem vergönnt ist.
Zwanzig Jahre lang. Dann bist du tatsächlich gegangen und ich fragte mich, weshalb es dem Herrn gefiel, Dich mir zu nehmen.
Menschen wie Du..... kommen in den Himmel.
Weshalb hast Du mich noch nie besucht? Laß mich noch einmal in Deine Augen sehen, die Welt wird immer kälter.
Sie sagen doch, daß ihr das könnt!
Vielleicht weißt Du längst, daß Deine Enkelin jetzt selbst Gedichte schreibt. Vielleicht kennst Du den Dackel der Familie, der Dir so viel Freude bereitet hätte.
Sie sagen doch, daß ihr das könnt!
Gestern hat mich einer dieser kleinen Jungs, Baseballcap und XXL-Shirt, mit dem Skateboard angekarrt. Ich hoffe, man hat ihm das Märchen von Ali Baba erzählt, so oft er es hören wollte.
Seine naßgemachten Hosen mit einem Lächeln quittiert und ihn an einen schaurig-schönen Novemberabende das Gedicht vom Erlkönig gelehrt.
Hoffe, man verzeiht ihm alle Schandtaten in grenzenloser Liebe, die nicht nach Berechtigung fragt. Ich hoffe, man hat ihn Fritz genannt.
Sie sagen doch, daß ihr das könnt.

Meinem Opa-
Dem liebsten Menschen der Welt
 

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Spuren

Ich traf ihn an beim Backgammon- Spiel mit einem Freund. Er ließ sich kaum stören.
„ Hast du einen Moment lang Zeit ?“
Ich hatte ..... – alle Zeit dieser Welt.
„ Dann setz‘ dich !“
Also nahm ich Platz und sah mich um, vollends sicher, unbeobachtet zu sein. Die Ausstattung des Raumes kühl, steril, an einen Friséuresalon erinnernd. Viel Weiß. Silberne Garderobenständer und Stahlrohrmöbel. Gläserne Vitrinen stellten schwere Ketten, Nietenarmbänder und Lederschmuck zur Schau, zwar provokant doch ohne daß es deplaziert oder beunruhigend wirkte. Ästhetische Fotos an den Wänden und ein Geruch in der Luft, ganz leicht, nur zu erahnen beinahe. Ein Parfüm vielleicht. Ein ätherisches Öl, einerlei.
Ich entzündete eine Zigarette und  lehnte mich im Stuhl zurück, den Pulsschlag nicht um ein Deut erhöht, die Schwellenangst, die ich verspürte, bevor ich diesen Raum vor Minuten zu ersten Mal betrat, abgelegt wie ein Mantel an der Garderobe. Ich fühlte mich wohl hier. Ich würde mich auch dann noch wohl fühlen, wenn er sein Backgammon- Spiel um Stunden ausdehnte. Ertappte mich dabei, geradezu darauf zu hoffen. Draußen gingen Menschen vorüber, manche achtlos, geschäftig, andere starrten mich durch die Gardinenlose Fensterscheibe hindurch an, immer auf der Suche nach Sensationen, neugierig, unverhohlen und scheinbar unwissend, daß Glas die Eigenschaft besitzt, beidseitig durchsichtig zu sein. Sie gafften mich an wie einen Affen hinter Gittern und auch im Tierpark hatte ich mich schon oftmals gefragt, wer der wirkliche Idiot war – der da Drinne oder die da draußen. Ihre dümmlich wirkenden Gesichter amüsierten mich heute jedoch nicht wirklich.
Später, irgendwann später, warf er die Würfel dann zum letzten Mal und schloß den kleinen Kasten aus Holz.
Game over. Sein Freund verließ den Raum, ohne mir jegliche Beachtung zu schenken. Er blieb. Ich war geblieben. Ich beobachtete ihn, während er das Spiel irgendwo in einem Schrank verstaute.
Er war nicht groß, kaum größer als ich, doch kräftig  von Statur. Er verhielt sich abwartend. Ich erhob mich, trete auf ihn zu. Er schaute mich an, zum ersten Mal wirklich. Knallblaue Augen. Sein Gesicht war eher um eine Nuance zu artig, denn Markant, was mich hätte irritieren müssen, doch er strahlte eine ungemeine Ruhe und Gelassenheit aus. Seine Stimme tat es ebenfalls, nachdem er eine Zeitlang geschwiegen hatte. Zeit, die es galt, zu nutze, um meine Vorstellungen zu vermitteln.
„ Ich mache, was du wünscht, aber weshalb ausgerechnet das ?“
„ Weil ich es so will !“
Die Vorstellung, das dies eher infantil denn selbstbestimmt geklungen hatte, ließ mich ein wenig erröten. Sein souverän- knallblauer Blick machte es nicht besser.
„ Okay.“ Er nickte und deutete ein leicht amüsiertes Lächeln an, stand ungemein über den Dingen, jedoch ohne mich dabei zu erniedrigen. Er dachte kurz nach, zumindest schien es so. „Zweihundert.“ Zweihundert, das war ein fairer Preis. Das war fair und machbar. Meine Freundin hatte mir zum Geburtstag ein Gutschein für ihn geschenkt. Nicht ohne Tadel, sicher, zögerlich, zweifelnd, ob das alles denn wirklich erforderlich sei und skeptisch, was gewisse HIV-Risiken anbetraf. Zweihundert Mark waren okay. „Sofort?“  Nein, nicht sofort. Ich war nicht entschlossen genug, um die Angelegenheit nicht wenigstens noch ein paar Nächte überdenken zu wollen. Wir machten ein Date aus für den kommenden Mittwoch. Er nahm ein Telefongespräch entgegen und ich wartete, ohne wirklich zu wissen, worauf. Es gab nichts mehr zu sagen. Mein Blick biss sich fest in Stahlrohr und Leder und weiß. Dann legte er den Hörer zurück auf die Gabel. „Bis Mittwoch, dann.“ Er reichte mir die Hand. Vielleicht... – hatte ich darauf gewartet. Bis Mittwoch, sagte er. Mit nach wie vor unbeweglicher Mine,
doch für den Bruchteil einer Sekunde hatte seine Seele in seinen Augen gelegen. Dann erlangte er wieder diese Erhabenheit, begründet durch das Wissen, dass ich mich ihm ausliefern würde. Ein leichter Schimmer von lustvoller Vorfreude lag in seinem Blick und dennoch dieses – vertrau mir. Ich habe es im Griff. Ich tu‘ nur das, wofür du ich bezahlst. Du bist nicht die Erste, und deshalb wird es okay sein für dich. Du wirst auch nicht die letzte sein. Noch ein leichtes Aufflackern von Skepsis, bevor er sich endgültig abwandte, um mir die Tür zu öffnen. Wirst du tatsächlich wiederkommen, Mädchen, tatsächlich Mittwoch? So viele hatten es nicht getan, gekillt in den Nächten in denen man Entscheidungen überschlief. Er verzichtete dennoch auf eine Anzahlung.
Draußen auf der Straße dann die Gedanken noch immer bei ihm. Ertappte mich dabei, selbstvergessen in Fensterscheiben zu starren. Sicher, ich würde wiederkommen. Mich in seine Hände begeben, hoffend, er tut das Richtige. Er, der Erfahrene im Mixen von Cocktails aus Schmerz und Vertrauen. Er würde Spuren hinterlassen auf meiner Seele, Männer wie ihn vergisst man nicht. Unsere gemeinsame Zeit – Minuten, höchstens Stunden nur. Kürzer denn die mit dem Fremden, mit dem man eine Nacht überlebt und dennoch – Spuren. Auf der Seele. In der Haut. Er würde spürbar in mich dringen, als es je ein Mann zuvor getan hat. Erinnerung an seine Hände, seine Stimme. Vielleicht an die Musik die wir hörten im Hintergrund. Erinnerung an das Surren einer Nadel. Ein Leben lang. Er wird mich tätowieren.
 

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