Leseproben von Balthasar II


aus der Prosasammlung Scheintot

Das langsame Sterben des Mr. W. ...oder wie das Gehirn eines Mannes die
Justiz des Staates X. an Grausamkeit übertraf

er hatte den mann erschossen. geplant. kaltblütig. es war mord. so stand es
in seiner akte. selbst sein verteidiger war für die höchststrafe. den
revolver hatte er bei einem einbruch in ein waffengeschäft gestohlen. den
wagen, mit dem er zum tatort fuhr, in einer tiefgarage. auch das stand in
seiner akte.
er war schon lange zeit arbeitslos. seine kinder hungerten. die richter und
die geschworenen wussten das. sie zuckten mit den schultern. nicht ihre
schuld. es gab viele arbeitslose, viele hungernde kinder, nicht nur in ihrer
stadt, im ganzen land, auf der ganzen welt.
durfte man deswegen zum mörder werden? nein, natürlich nicht.
der chef seiner frau hatte diese zum sex gezwungen. sie würde sonst ihren
job verlieren, hatte er gedroht. lange hatte mr. w. nichts davon gewusst.
auch das stand in der Akte.
aber den Mann gleich töten?
er hätte froh sein sollen, dass überhaupt geld ins haus kam. und wenn er
diesen zustand nervlich nicht verkraften konnte, nun, dann hätte er sich ja
scheiden lassen können.
von den richtern und den geschworenen hatte er kein verständnis zu erwarten.
sie hatten noch nie hungernde kinder gehabt, ihre frauen hatte noch niemand
zum sex gezwungen.
die richter betraten den gerichtssaal, die anwesenden erhoben sich zur
urteilsverkündung.
"im namen des volkes verkünde ich das urteil, zu welchem wir nach reiflicher
überbelegung gelangt sind.
mir. w., ich verurteile sie hiermit aufgrund der uns vorliegenden indizien und
ihres Geständnisses wegen mordes zum tode auf dem elektrischen stuhl. die
vollstreckung findet am sonntag, in der frühe des morgens statt.
die verhandlung ist geschlossen."
damit begann das letzte kapitel seines schicksals, das kapitel seines todes.

die schritte hallten durch den gang, lange schon, bevor er die männer sah,
konnte er sie hören.
schwer trommelten die stiefel der polizisten auf den steinboden des
gefängnistraktes, in welchem die todeskandidaten auf ihr letztes morgengrauen
warteten.
viel zu laut rasselte der schlüssel im schloss, viel zu laut quietschte die gittertür
in den angeln. und viel zu endgültig.
langsam stand mr. w. von seinem bett auf. mit hängenden schultern ging er,
eingerahmt von sicherheitsbeamten, durch den flur.
irgendwann stand er in der kammer, in welcher sich sein schicksal erfüllen
sollte. dort stand dieses eisending, an welches er die langen stunden seit
seiner verurteilung gedacht hatte.
fast ehrfürchtichtig, wie einen gott, starrte er es an.
er setzte sich, und die polizisten schnallten ihn fest. die handfesseln
schnürten ihm die handgelenke ein, doch das erschien ihm kleinlich angesichts
der größe des augenblicks.
ein priester wollte ihm den letzten segen geben, doch er winkte ab, schickte
ihn fort. nach einem letzten blick in die runde klebten sie ihm die augen zu.

er hörte, wie sich die schritte der anwesenden entfernten, wie eine tür
geschlossen wurde. er war allein in der kammer.
er wartete unruhig. wenn doch nur schon alles vorbei wäre...
plötzlich durchfuhr ihn ein stromstoß von ungeheurer stärke, ein summen drang
in sein ohr, es klang wie das rauschen von tausend turbinen.
er bäumte sich in dem stuhl auf, bäumte sich dem schmerz entgegen. sein
kopf schien zu zerspringen.
dann ließ der stromstoß nach, und er stellte fest, dass er noch lebte.
er konnte seine finger noch bewegen, sich mit der zunge über die trockenen
lippen fahren. es stank nach verbranntem fleisch. seine hände zitterten.
seine augen brannten. er schwitzte, und als er erneut seine zunge über die
aufgeplatzten lippen wandern ließ, schmeckte er nicht den schweiß, der ihm in
strömen über das gesicht lief, sondern das blut seiner geplatzten augen.
er versuchte, einen klaren gedanken zu fassen. zuerst rechnete er, und es
klappte ganz gut. sein gehirn schien noch zu arbeiten. wenn man ihn nun
begnadigte, würde wieder alles gut werden.
ein verschwommenes gesicht wirbelte vor seinem geistigem auge umher, als er an
seine frau dachte. er konnte sich ihr gesicht nicht vorstellen. auch an ihren
namen konnte er sich nicht erinnern. verzweifelt versuchte er, sich die namen
seiner kinder ins gedächtnis zu rufen. doch auch dies mißlang.
er begann wieder zu rechnen. es ging so leicht wie vorher. doch die
erinnerung an seine familie blieb im dunkeln verborgen.
seine gedanken wurden von einer tastenden hand gestört, die seinen puls
fühlte. panik erfasste ihn, er versuchte zu sprechen, doch seine stimme
versagte.
"er lebt."
"dann müssen wir es noch einmal tun."
die männer entfernten sich.
noch immer konnte er sich nicht erinnern. zudem verspürte er nun starke
schmerzen in der herzgegend und im kopf.
tränen liefen aus den leeren augenhöhlen, vermischten sich mit blut und
tropften auf seine hose.
ein neuer stromstoß durchfuhr ihn, stärker als der zuvor.

als sein herz versagte, nahm er nur die erinnerung an das verschwommene
gesicht seiner frau in den tod mit.

balthasar
 

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