Puppen sterben nicht

 

„Wie werden die Gräber aussehen- nach dreißig Jahren?“

So beginnt Johannes Reuter seine erste Erzählung „Puppen sterben nicht oder die Legende Maria“, aus dem Buch „Puppen sterben nicht“. 

Adam Toormoos, aufgewachsen in Ostpreußen, lebt mit seiner Frau in einem modernen Hochhaus, weit entfernt von seiner ländlichen Heimat. Nach dreißig Jahren will er nun noch einmal dorthin zurückkehren und seine Erinnerungen neu aufleben lassen.

„Noch einmal die Gräber sehen, Monika,...“

Seine Frau Monika hält nichts von dieser Reise. Sie macht sich nichts aus den Geschichten über die Landschaft und die Menschen, die ihr Mann einst so gut kannte.

„Sie dachte real. Keine Flausen im Kopf. Vielleicht sind die Gräber längst eingeebnet,...“

Adam Toormoos macht sich trotzdem auf den Weg. Er läuft durch die kleine Ortschaft, denkt über frühere Zeiten nach, betrachtet die Häuser und die Menschen die jetzt dort leben.

„Frauen in dunklen Kleidern, junge Mädchen in hellen Röcken, Männer in blauen und braunen Anzügen.“

Dann sieht er den Eingang zum alten Friedhof und betritt ihn, entdeckt zwischen den alten Bäumen aber keine Grabkreuze mehr.

„Die Gräber waren eingeebnet.“

Adam fühlt sich verloren, doch als er sich zur Seite dreht, entdeckt er vor einer Mauer ein letztes Kreuz. Das Grab ist gut gepflegt und Blumen schmücken es. Er erkennt es ganz plötzlich wieder: Das Grab seiner Schwester, Maria Toormoos, 1937 mit 17 Jahren gestorben. Sie spielte damals Theater und lebte für ihre Rolle.

Als das Stück zu Ende war, brach sie tot zusammen. Sie hatte ein schwaches Herz.

„Als die Leute es erfuhren, brach ein Tumult los. Als man sie hinaustrug, bahnten sie eine schweigsame totenstille Gasse.“

Adam Toormoos wandert wieder durch das kleine Dorf. Er erkennt vieles wieder und trifft dann auf eine alte Bekannte. Brunisslawa Soloch, eine Polin. Sie unterhalten sich über Maria, damals die beste Freundin der Polin.

„Maria ist zur Legende geworden. Wann hat es jemals hier in dieser Gegend so ein Schicksal gegeben?(...) Sie sagen, daß es sich um eine blutjunge Schauspielerin handelte, die hier bei einem Gastspiel tot umfiel. Sie soll in einem Theaterstück mitgewirkt haben, in einem Stück mit der Jungfrau Maria.“

Die Polin besitzt noch eine Puppe, die Maria ihr damals schenkte. Adam betrachtet die Puppe und seine Erinnerungen an seine Schwester  kehren zurück. Brunisslawa begleitet Adam zum Friedhof zurück. Die Puppe hält er in seinen Händen. Gemeinsam bleiben sie vor Marias Grab stehen,

„Puppen sterben nicht, sagte sie mit dem Ernst einer erfahrenen Frau. Puppen bleiben schweigsam. Sie sehen alles mit an, das Schöne und das Schlechte. Wir können es nicht, wir Menschen. Wir wehren uns immer, auch dann, wenn es nicht nötig ist.“

 

Zurück zum Anfang