Die Klasse

 

"Noch nicht sprechen- jetzt noch nicht. Allein sein. Sehen und hören, beobachten. Dieser erste Eindruck mußte zeitlos bleiben. Der lange Mann preßte sich noch enger an das leicht gewölbte alte Garagendach, auf dem er sich vor Jahrzehnten herumgewälzt und viele Stunden am Tag und in der Nacht verbracht hatte."

So beginnt der Roman "Die Klasse", erschienen 1977 von Johannes Reuter, in dem es um ein Klassentreffen geht. Die meisten Schulkameraden kommen nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder in ihr kleines Heimatdorf, wo sie ihre Kindheit verbracht haben. Jeder von ihnen hat andere Erwartungen und Fragen, die jetzt nach 30 Jahren beantwortet werden sollen. Der Roman ist aus der Sicht von Joachim Neander, dem Sohn des ehemaligen Lehrers, geschrieben. Wie auch viele seiner Kameraden versucht er, mit Hilfe seiner Erinnerungen, die Lücke zwischen seiner Jugendzeit und heute zu schließen. Er klettert genauso wie früher auf das Garagendach und beobachtet die Leute im Dorf. Dort tauchen für ihn die ersten Erinnerungen auf, mit denen er die verlorene Spur zu seiner Jugend wiederfinden will.

Doch dieses Klassentreffen dient nicht nur der Beantwortung alter Fragen. Für den Organisator Richard Münder hängt auch viel von diesem Treffen ab. Endlich bietet sich für ihn, den ehrgeizigen Bürovorsteher, die Möglichkeit, die Anerkennung von seinen Mitschülern zu bekommen, die sie ihm in der Kindheit immer versagt haben.

Doch dazu müsste alles so verlaufen wie er es geplant hat. Auch müsste der kleine schmächtige Heinrich Toms, der es in Amerika zum Millionär gebracht hat und sich jetzt nur noch Henry nennt, kommen. Auf dessen Erscheinen sind alle sehr gespannt. Denn sie möchten alle wissen, wie Andreas Winsky Heinrich Toms in den letzten Kriegstagen des 2.Weltkrieges vor dem Erschießen gerettet hat. Doch Henry Toms kommt nicht. Das ist ein herber Niederschlag für Richard Münder, der nun die Blamage und Verachtung seiner Kameraden fürchtet. Dafür erscheint Andreas Winsky, von dem die ehemaligen Schüler auch schon angenommen hatten, dass er fernbleibt. Er ist einer der wenigen, die im Dorf geblieben und nicht in die Stadt gezogen sind. Schon zur Jugendzeit war er ein Einzelgänger und hielt sich von den anderen fern. Es war schwierig eine Beziehung mit ihm aufzubauen. Deshalb ist auch Ingeborg Belau froh, dass Andreas an dem Treffen teilnimmt. Denn Andreas hat sie einmal aus einer gefährlichen Situation gerettet. Damals entstand zwischen den beiden eine behutsame Beziehung, die jedoch durch das Eingreifen ihres Vaters zerstört wurde. Sie würde sich jetzt gerne mit Andreas darüber aussprechen.

Von Andreas erfahren die alten Klassenkameraden zum Schluss auch, warum Heinrich Toms zum Tode verurteilt wurde und wie seine Rettung gelang:

Heinrich hatte kurz vor Kriegsende seinen Urlaub willkürlich um fünf Tage verlängert. Dies genügte, um ihn der Wehrkraftzersetzung, worauf die Todesstrafe stand, zu beschuldigen. Er wurde in die Mühle gesperrt und sollte am nächsten Morgen exekutiert werden. Doch Andreas befreite ihn vorher durch eine Dachluke und versteckte ihn in einer Hütte im Wald bis der Krieg vorbei war.

Die alten Kameraden sind froh, dass diese Frage, sowie auch noch andere Fragen, die zum Teil schon seit 30 Jahren bestanden, nun endlich beantwortet werden konnten.

 

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