Interpretation eines Gedichtes von Rolf Dieter Brinkmann

Wir beschäftigten uns mit dem Gedicht "Ihr nennt es Sprache oder Spiegel an der Wand" 
		von Rolf Dieter Brinkmann,
das 1986 in dem Buch "Rolltreppen im August", was ebenfalls von Rolf Dieter Brinkmann 
stammt, in Berlin/DDR erschienen ist.

Ihr nennt es Sprache oder Spiegel an der Wand 
von Rolf Dieter Brinkmann
Ihr nennt es Sprache 
oder Spiegel an der Wand
wo ist des Deutschen Vaterland
und wo des Königs von Thule 
Herzliebchen

der Mond 
den Eichendorff besang
ging längst hinüber ins Unbekannt 
und wie gings Gerede 
von Galgen

doch am Sonntag
mit Dorfmusik zwischen den Wiesen
so findet mans Glück
mit Vergessen und Bibelzitaten

ist niemand da
der wollte zurück
dann nennt ihr es Sprache 
ein Spiegel an der Wand
wer ist die Schönste
im ganzen Land

DIE SPRACHE DER STEINE
UND WIR HABEN KEINE


Wir haben versucht, dieses Gedicht im Zusammenhang mit dem Leben von Rolf Dieter Brink-mann
in Vechta zu bringen und somit
sein Verhältnis zu diese Stadt zu verdeutlichen, was un-serer Meinung nach besonders in den
ersten drei Strophen hervorkommt.
Im folgenden werden wir die einzelnen Textstellen interpretieren.

"Ihr nennt es Sprache oder Spiegel an der Wand wo ist des Deutschen Vaterland" 

-> Das deutsche Vaterland existiert nicht mehr, da es durch den Krieg geteilt wurde (durch
die Berliner Mauer, die 1989 wieder vernichtet wurde) - in die  Bundesrepublik und in die 
DDR. Trotz der Vernichtung der Berliner mauer haben viele noch Vorurteile 
gegenüber den Menschen der ehemaligen DDR, 

"und wo des Königs von Thule Herzliebchen" 

-> Wir haben das Gedicht "König von Thule" von Johann Wolfgang von aus dem Internet 
entnommen um uns ein Bild des Königs von Thule machen zu können und haben erfahren, dass 
das "Herzliebchen" von Thule gestorben ist. 

"der Mond den Eichendorff besang ging längst hinüber ins Unbekannt" 

-> Eichendorff war ein Dichter der Romantik. Er ist sehr früh gestorben und somit auch die 
Zeit der bzw. seiner Romantik. 
Die Textstelle "der Mond den Eichendorff besang" steht für die Romantik Eichendorffs und 
die Textstelle "ging längst hinüber ins Unbekannt" steht für die Romantik Eichendorffs, 
die durch seinen Tod auch gestorben ist. 

"und wir gings Gerede von Galgen doch am Sonntag mit Dorfmusik zwischen den Wiesen so findet
mans Glück mit Vergessen und Bibelzitaten"  Die Textstelle "mit Dorfmusik zwischen den Wiesen" 
könnte eine Beschreibung von Vechta sein, wie es zu Brinkmanns Zeit in Vechta ausgesehen 
haben könnte. Kinder spielen auf Wiesen und die Dorfmusik erklingt dazu. Vielleicht hat 
die Interpretation dieser Textstelle auch etwas mit der Textstelle "mit Vergessen und 
Bibelzitaten" zu tun. Die Menschen aus Vechta wollen die schlimme Zeit während des Krieges 
vergessen und mit Bibelzitaten alles wieder gut machen, was sie bzw. was falsch gemacht 
wurde. Doch man kann nicht durch Beten und dem Versuch alles zu vergessen, die Zeit ändern 
und so tun, als wenn nichts gewesen wäre. Aus der Textstelle "so findet mans Glück" geht 
Sarkasmus hervor. Brinkmann meint es ironisch, dass man mit Dorfmusik glücklich wird. Er 
verurteilt die Menschen aus Vechta, dafür, dass sie nicht mit der Zeit weiterleben, sondern 
am Vergangenen hängen. 

"ist niemand da der wollte zurück" 
 Hiermit meint Brinkmann, dass vielleicht niemand nach Vechta kommen, bzw. zurückkommen 
will, weil sie entweder eine sehr schlimme Zeit hier hatten und sich nur daran erinnern 
würden oder weil sie viel schlechtes über Vechta gehört haben und deshalb hier nicht leben 
wollen. Vielleicht hat auch er selbst in Vechta viel Schlechtes erlebt, so dass er aus 
diesem Grund aus Vechta fort ging und nie mehr zurück wollte. Dieses zeigt wieder sein 
schlechtes Verhältnis zu Vechta.
"dann nennt ihr es Sprache ein Spiegel an der Wand wer ist die Schönste im ganzen Land."
 Diese Textstelle erinnert einen an die Geschichte von Schneewittchen mit der bösen Hexe. 
Sie wollte nicht, dass irgend jemand schöner ist als sie und sie dachte auch von sich 
selbst, dass sie die Schönste im ganzen Land sei. Vielleicht meinen die Einwohner von 
Vechta, dass Vechta die schönste Stadt sei und keine andere. Es könnte aber auch wiederum 
Ironie sein und Brinkmann meint mit dieser Textstelle, dass Vechta eine hässliche Stadt ist 
und deshalb niemand hier leben möchte.
"DIE SPRACHE DER STEINE UND WIR HABEN KEINE" 
 Diese Textstelle ist nicht sehr leicht zu interpretieren. Sie wirkt auf einen verwirrend. 
Wir vermuten, dass man die Sprache der Steine (die Sprache anderer Leute, die nicht aus 
Vechta kommen) besser versteht als die eigene Sprache und  Brinkmann meint, dass die Leute 
aneinander vorbei reden und es so viele Missverständnisse gibt. 

Im Großen und Ganzen gibt es in diesem Gedicht viele Textstellen , die auf das nicht sehr 
gute Verhältnis Brinkmanns zu Vechta hinweisen. Er beschreibt Vechta als negativ, indem er 
es als unmodern bezeichnet. Vielleicht liegt das daran, dass er sich als neuer und moderner 
Künstler in seiner ehemaligen Heimat missverstanden fühlt, weil die Einwohner von Vechta 
sich nicht für das Neue, sondern mehr für die alten Dichter interessieren. Deshalb ist er 
wahrscheinlich auch aus Vechta fortgegangen, um in London sein in Deutschland nicht 
erreichtes Ziel zu verwirklichen.

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