Rom, Blicke



(3. Karte: 24.11.72): plötzlich, als ich einen grauen porösen Kopfknochen sah, irgendeiner, fiel mir ein, dass wir 1952/53 im Gebüsch an der Kirche zu Vechta, zwischen faulendem Laub Fussball gespielt hatten mit einem derartigen Menschenknochen (fühlte ich da nicht 1 Grauen? Ich habe mitgemacht, ich wollte gerne mitspielen mit anderen, es war eine gute Gelegenheit: war es so?)/ & ich erinnere mich eines Schulausflugs in den Hümmling zu 1 Kloster, wo der Altar ein gläserner Sarg war, man schaute auf 1 vertrocknete Leiche! & das sollte festlich sein, für Gottes Feste!

( aus: R.D.Brinkmann, Rom, Blicke, Hamburg 1979, S.249)


Kirche zu Vechta: Damit war wahrscheinlich die Kirche Maria-Frieden gemeint.

Hümmling: hügelige Landschaft, östlich der Ems, nördlich der Hase.

Kloster: Damit war das Kloster des Jagdschlosses Clemenswerth gemeint.

1 vertrocknete Leiche:




Aus einem Laden kam ein amerikanischer 50er-Jahre- Schlager, an den ich mich genau erinnerte, (plötzliche Verwandlung der Szene, 15 Jahre zurück, lautlos in einem ganz anderen Raum, während ich durch diesen abendlichen italienischen Bergort gehe, südlich Roms): The Platters, Only You, hohe Falsettstimmen, hohe weiche Negerstimmen, langsam und zu süß, die Süße einer Schallplattenmusik, die sich vermischt mit den vagen Träumen und Vorstellungen eines 16-jährigen Jungen in einer norddeutschen Kleinstadt, abends, wo nichts geschieht, niemals etwas geschehen kann, in der Stille eines nassen leeren Frühlingsabends mit den verlassenen, liegengelassenen kleinen Gärten, die in Nässe versinken, mit den leeren Straßen, mit der Angst vor der kommenden Griechisch-Arbeit, umgeben von den Gespenstern eines banalen, leeren und anständigen Lebens, und umgeben von Verboten, Drohungen, mangelnde Aufklärung, von kitschigen humanistischen Gedanken, und diese süßlichen negroiden Schallplattenstimmen vermischten sich mit der Pubertät und den Sehnsüchten eines Jungen in der Pubertät, es muss 1956 gewesen sein, jetzt ist es 1972, ...

( aus: R.D.Brinkmann, Rom, Blicke, Hamburg 1979, S.376)


Norddeutsche Kleinstadt: Vechta, niedersächsische Kreisstadt, am Moorbach, etwa 27.000 Einwohner, etwa 800 qkm



( Manchmal, abends, sitze ich hier und bin in Tagträume an eine norddeutsche Landschaft gefangen, wenn alles ganz still ist, ich wach bin, niemand da, der spricht, man kann es wohl nicht trauriges Heimweh nennen, es ist eine schöne Landschaft, und seitdem du mir von Lüneburg erzähltest, oder Göttingen, sehe ich ab und zu eine kleine norddeutsche Stadt, die abends still wird, wo man seiner Arbeit nachgehen kann, abends in eine Wirtschaft ab und zu geht, um ein Bier zu trinken, liest, wo die Dunkelheit wirklich eine abendliche Dunkelheit - in dieser totalen stillen Dunkelheit, Vechta, Kuhmarkt, oben in dem Zimmer, waren dann sehr deutlich und klar der Schritt eines spät in der Dunkelheit draussen Vorübergehenden zu hören...

( aus: R.D. Brinkmann, Rom, Blicke, Hamburg 1979, S.282)



norddeutsche Stadt: siehe Norddeutsche Kleinstadt

Kuhmarkt: Straße in der Nähe des Stoppelmarkts



Und dann ringsum der Ort, mit den Menschen anwesend, die den Ort zu einem Gefängnis machten. Vom Fenster des Schulraums sah man auf dem starren roten Ziegelbau des Gefängnisses, und manchmal gingen morgens auf der leeren Straße, vor der Häuserreihe, aus deren geöffneten Fenstern weiße wulstige Betten oder Kissen hingen, zwei Figuren vorbei, die eine Figur in einer grünen Dienstjacke, die andere Figur in einem Anzug. Sie waren an den Handgelenken aneinandergefesselt und kamen vom Bahnhof. Die gingen zu dem breiten Block des Gefängnisses. Dieser Anblick führte mich augenblicklang aus dem Klassenzimmer fort und aus den stammelnden Übersetzungsversuchen

( aus: R.D. Brinkmann, Rom, Blicke, Hamburg 1979, S.405)


den Ort: mit diesem Ort ist das Gymnasium Antonianum Vechta gemeint, welches Brinkmann als Gefängnis empfand.

Fenster des Schulraums: war wahrscheinlich im Deutschlandhauses des Gymnasiums

starren roten Ziegelbau des Gefängnisses:

stammelnden Übersetzungsversuchen: Griechisch