Born und Gorleben                                           zurück

 

 

Born in Gorleben:

 

Born bei einer Anti-Atomkraft Demonstration auf dem Dannenberger Marktplatz:

 

 

Nicolas Born

Rede in Gorleben

 

Gehalten am 12.3. 1977

Liebe Freunde, wer uns entsorgen will, den wollen wir stilllegen!  Vorläufig sind wir darauf angewiesen, uns unsere Sorgen nicht nehmen zu lassen.  Ein industriell erzeugtes Vernichtungspotential soll unter Acker- und Waldboden endgelagert werden.  Eine Wiederaufbereitungsanlage soll die Grundlage sein für den Bau zahlreicher weiterer Atomreaktoren.  Kurze und langfristige Risiken für Gesundheit und Leben von Mensch, Tier und Pflanze werden von den Betreibern und ihren politischen und wissenschaftlichen Beihelfern bewusst oder leichtfertig in Kauf genommen.  Der Preis, den wir und unsere Nachkommen dafür zahlen müssen, interessiert sie nicht; sie interessiert der Strompreis und die Möglichkeit, die Spitze der atomaren Weltmächte zu bilden.  Manchmal frage ich mich, ob sie schon allesamt wahnsinnig geworden sind.  Man sieht und hört sie von den Bildschirmen und Podien herunterschwärmen.  Sie befinden sich offenbar im nuklearen Fortschrittsrausch.

Wann begreifen all diese Betreiber endlich, dass sie zu einem Sicherheitsrisiko geworden sind?  Wann begreifen sie, dass der wahre Fortschritt heute darin besteht, solch eine sorglose und gewissenlose Praxis zu stoppen, zu stoppen, meine Freunde, zu stoppen.

Industrielle Betreiber in Verbindung (um nicht zu sagen Verfilzung) mit politischen Betreibern das kann zu einer Kriegserklärung an die eigene Bevölkerung führen.  Etliche gewählte Volksvertreter glauben sich offenbar mit einem imperativen Mandat ausgestattet, nicht in unserem Dienst, sondern im Dienst der Betreiber.

Mit welchen Phrasen füttern sie uns denn?  Hier ein paar Kostproben, wie sie jeder von uns täglich angewidert wieder ausspuckt, von maßgeblichen Sprechern ihrer Parteien: 1) »Klares ja zum Ausbau der Atomenergie unter größtmöglicher Berücksichtigung der Sicherheitsinteressen der Bevölkerung«, 2) »Die Sicherheit muss gewährleistet sein, aber ohne Kernenergie geht es nicht. « 3) »Gebaut wird nur, wenn alle Sicherheitsauflagen erfüllt werden können, aber gebaut wird.« Es waren nur drei Kostproben, und jeder kann sie, wenn er kann, der richtigen Partei zuordnen.  Kann ein Volksvertreter seine Volksverachtung noch deutlicher ausdrucken?  Kann ein solcher seine extremistischen Neigungen noch deutlicher zugeben?  Und die nennen wir gefährliche Opportunisten!

Welche gesellschaftliche Institution verdient denn noch unser Vertrauen? Die Kirchen?  Wohlan, Kirchen, handelt ihr wenigstens eindeutig und gewissenhaft!  Die Gewerkschaften?  Noch weigere ich mich, die Hoffnung aufzugeben.  Obwohl der Vorsitzende der IG Bau Steine Erden vor ein paar Tagen weitere Reaktorbauten gefordert hat mit dem Argument der Arbeitsplätze.  Und was kommt danach dran?  Solch einen Mann nennen wir entweder dumm oder verlogen!  Alle tun nur ihre Pflicht, auch die Rattenfänger der Atomindustrie, die mit teuersten Public-Relations-Mitteln ein schnell wirkendes Gift besitzen.  Sie versprechen Geld und Arbeitsplätze.  Von solchen Arbeitsplätzen hält man sich besser fern, und das Geld schafft ein schwindelndes Bestechungsklima; sie haben es übrig, weil der Staat im Atomfall vom Verursacherprinzip abgegangen ist auf unsere Kosten!  Wir dürfen uns unseren Widerstand, auch den emotionalen schon leisten.  Unsere Emotionalität ist das Beste, was wir haben gegen schieres Geld- und Machtinteresse.  Unsere unglücklichen Gefühle und Ahnungen, unsere Sorge und unsere Angst sind zugleich auch unsere Kraft, und die lassen wir uns nicht versachlichen.  Unsere Sorgen, wer macht sie sich sonst?  Unsere Freiheit, wer will sie sonst?  Den Betreibern liegt der Zuwachs am Herzen, der hemmungslose und gewissenlose Zuwachs ihrer Macht und Dividenden, auch wenn bald nichts mehr wächst außer dem Zuwachs selbst.

Wir brauchen Energie, vor allem unsere eigene Gefühls- und Verstandesenergie, wir brauchen sie für einige Jahre Widerstand gegen die Betreiber und Programmierer und ihre hilfswilligen Lochkartenexistenzen.  Einige Jahre, Brüder und Schwestern, und unsere Nachkommen werden es uns 24 000 Jahre lang danken, denn so lange mindestens dauert die Wirkung jener Herrschaften mit der ungeheuren Ausstrahlung.