Autobiographie                                                    zurück

Ich bin I937 geboren in einer Stadt wie Duisburg; es war die Stadt Duisburg, da ist es passiert.  Das Ruhrgebiet war meine Heimat, als ich aufwuchs, aber ich glaube, das bedeutet nicht viel.  Ich habe auch das Ruhrgebiet nicht richtig verstanden, hatte manchmal den Eindruck, es sei überhaupt unverständlich.  Andere meinten später, das Ruhrgebiet müsse für einen Schriftsteller eine Goldgrube sein; für mich war es eher eine Fallgrube.  Eines Tages bin ich aus dem Ruhrgebiet getürmt, obwohl ich mich sicher vom Dreck und von den Bildern vom Dreck nicht lösen konnte, jedenfalls bin ich nie richtig sauber geworden und das Ruhrgebiet holte mich immer wieder ein.  Es geht zwar nicht mehr unter die Haut aber unter die Fingernägel; der Steinstaub bleibt für alle Zeit auf den Stimmbändern.  Ich bin unzufrieden geblieben.  Vielleicht ist das ein chronischer und krankhafter Zustand, der mich aber (wahrscheinlich) zum Schreiben gebracht hat.

Ich weiß genau, dass es altmodisch klingt, aber Schreiben hat sicherlich etwas mit Magie zu tun.  Schreiben besteht aus Beschwörungsformeln, die Wirklichkeiten oder Tatsachen in Bann schlagen sollen.  Es ist ein Modifizieren dieser Tatsachen, ein Durchlöchern dieser Tatsachen, ein überbelichten dieser Tatsachen, ein Überwinden dieser Tatsachen.  Dass dieses Überwinden der Tatsachen in einem kulturellen Sektor der Gesellschaft, der Literatur geschieht, ist auch der größte Mangel der Literatur.  Dingwörter sind nicht die Dinge selbst.  Aber es gibt da eine interessante Wechselbeziehung zwischen den Dingen und ihren verbalen Entsprechungen.  Der dingliche oder besser faktische Sektor ist nicht säuberlich getrennt

von dem verbalen.  Ein Ding ist erst zu begreifen durch einen Begriff, durch das benennende Wort.  Wenn mir jemand eine Person oder eine Landschaft beschreibt, die ich dann nachher kennenlerne, vergleiche ich meinen Eindruck mit der Beschreibung oder vergleiche die Beschreibung mit meinem Eindruck.  Eine Situation kann ich nur genau bewerten, wenn mir gleichzeitig eine Art überwirkliche Entsprechung aus Worten oder Bildern vorschwebt, ja die ganze Wirklichkeit, wie sie von mir erfahren wird, braucht ein Überbild von sich selbst in meinem Kopf.

Um diesen Zusammenhang zwischen der Realität und den Möglichkeiten unseres verbalen Systems zu erläutern und auch, daran gekoppelt, die Notwendigkeit utopischer Wunsch- und Gegenbilder zur herrschenden Realität zu zeigen, habe ich in meinen Gedichtbüchern solche Nachbemerkungen geschrieben.

Wenn ich in einem Gedicht geschrieben habe, «Kunst heißt das Leben mit Präzision verfehlen», meinte ich, abgesehen davon, dass der Ausdruck etwas fremdartig und provozierend ist, dass Kunst nicht eine Kopie des Lebens sein soll, nicht eine Fälschung von Meisterhand sein soll.  Aber das Leben muss mit Präzision verfehlt werden, Kunst darf nicht einfach am Leben vorbeigehen.  Sie muss das Leben verfehlen in gleichzeitig sicherer und gefährlicher Distanz.

Es gibt Theoretiker und auch Schriftsteller, die die Forderung erhoben haben, der Schriftsteller habe den passenden Realismus zur jeweiligen Realität zu liefern.  Diese Forderung klang zwar etwas anders, war aber so gemeint, wie ich sie ausgedruckt habe.  Ich finde dagegen, dass der Schriftsteller seine Phantasie benutzen soll, um Träume, Visionen und Wünsche zu artikulieren, dass er eine mögliche oder sogar unmögliche Gegenrealität entwerfen soll, damit unsere einzige, die Realität transparent wird, gemessen werden kann am Besten.  Das Mögliche muss sich im Trommelfeuer der Medien erst wieder einfuhren und revoltieren gegen das abgekartete Spiel der Fakten.

Als Kinder hatten wir einen radikalen und absoluten Anspruch an die Welt: den Anspruch auf Glück, Unsterblichkeit.  Dieser Anspruch muss wieder eingeführt werden.  Erst dann werden wir uns voll bewusst, was wir alles entbehren und um was wir alles betrogen sind.

 

 

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