Das Studentenleben des Otto Erich Hartleben:

Als 21jähriger siedelte Hartleben im Jahre 1885 nach Berlin über, um dort sein Jura Studium aufzunehmen. Ab sofort war er von seiner Heimatstadt weit entfernt und musste so den Kontakt zu seinen Freunden unfreiwillig destruieren. Zudem wurde er nun auf sich alleine gestellt und bekam monatlich 200 Mark zugeschickt. Allerdings sollten seine Vorlieben zu der Dichtung auch in Berlin weiter unterstützt werden. Er befand sich nach einiger Zeit in einem Kreis von Dichtern, die die deutsche Dichtung erneuern wollten, was auch im Interesse Hartlebens lag. Die meisten Mitglieder dieses Kreises kannte Hartleben noch aus seiner früheren Zeit wie zum Beispiel A. Holz. Nun konnte Hartleben seine Überlegungen, die er damals im kleinen Kreis nicht besprechen konnte, in einem großen Kreis aus gleich Gesinnten genauer unter die Lupe nehmen. Viele seiner Briefe aus dieser Zeit trugen obskure Absenderangaben wie “Kuhstall” oder “Café Feuerherdt”, die meistens nicht über sein Studium berichteten, sondern vielmehr kleine Anekdoten und Gedichte beinhalteten. Im ersten Jahr seines Studium stand für ihn vielmehr die Vergnügung im Mittelpunkt. In dieser Zeit hatte Hartleben viele Freundinnen, die sich in kleinen Abständen wechselten und ihm die Liebe zu diesen nicht viel bedeutete. Als aber bekannt wurde, welche Kontakte Hartleben pflegte, darunter ist die Liebe zu einer 15jährigen zu erwähnen, ordnete man ihm an sein Studium in Berlin abzubrechen. Im Jahre 1886 wurde der Wechsel vollstreckt und Hartleben konnte nun in Tübingen weiter studieren. In einem Brief erklärt er auch, dass er dieses Verhalten verstehe und versuchen werde dieses so schnell wie möglich zu ändern:

 

“Ich werde wirklich in 2 Jahren meine Examina machen. In Tübingen habe ich mir vorgenommen, mich vom Verkehr so gut wie ganz frei halten.

Doch je länger er in Tübingen lebte, desto mehr vermisste er das städtische Leben. Er fand Tübingen einfachlangweilig und öde, wie aus dem folgenden Brief hervorgeht:

“Meine einzige Rettung ist Stuttgart, wohin ich alle 8 Tage fahre und einige Gattinnen besitze. Ich möchte zur Zeit ein “Studenten-Tagebuch” zusammenstellen. Dazu habe ich Zeit.”

Sein Kontakt zu A. Holz, der schon seit langer Zeit bestand wurde auch in Tübingen weiter ausgebaut. Hartleben pflegte auch den Kontakt zu seinen anderen Freunden, die er in Berlin kennen gelernt hatte. Aber weil für Hartleben die Attraktivität der Stadt Tübingen zu wünschen übrig ließ, schrieb er sich abermals um und begann nun mit dem Wintersemester 1886/87 in Leipzig. In Leipzig lernte er daraufhin Selma Hesse kennen, die seine spätere Frau sein sollte. Der Großvater von Hartleben fand wie fast jedes Verhältnis zwischen Hartleben und einem Mädchen auch das Verhältnis zu Selma Hesse nicht OK. Hartleben machte sich daraus aber nichts, und, als sein Großvater im Jahre 1893 starb, heiratete er Selma. Weil aber Selma häufiger krank war und daraufhin oft auf Kur gehen musste, und Hartleben in einem Hotel mit Vollpension lebte, konnte er seinen Finanzhaushalt nicht mehr ausgleichen und musste so Schulden machen. Hartleben brachte es sogar so weit, dass er Selma die Kunst des Dichtens beibrachte und die Fehler ihrer Briefe korrigierte.

Bereits im Jahre 1888 zog Hartleben mit Selma wieder nach Berlin um seine Examensarbeit am Kammergericht einzureichen. Als er kurz vor dem Abschluss seines Studiums stand fragte er sich immer wieder, ob das Erlernte den Anforderungen der Prüfungskommission entsprach. Daraufhin ließ er erst sein Erhaltenes Thema aus dem Zivilrecht fallen und kurze Zeit später wollte er auch das alternativ gestellte Thema fallen lassen, akzeptierte dieses allerdings, weil im dafür sonst die Aussicht auf eine Erbschaft von ca. 40.000 Mark durch den Großvater genommen worden wäre. Am 15.3.1889 meldete Hartleben nun endlich, dass er soeben sein Examen glücklich bestanden habe.