Das Schülerleben des Otto Erich Hartleben:

 

Es war im Spätsommer des Jahres 1880, als sein Großvater ihn auf das Gymnasium in Jever schickte. Er wohnte bei dem dortige Direktor des Gymnasiums Ernst Ramdohr, der ein Freund seines verstorbenen Vaters war. Er war ziemlich streng und versuchte, wie schon viele Menschen vor ihm, Otto Erich nun zur Vernunft zu erziehen. Aber er kam nach einem erfolglosem Dreivierteljahr seines Aufenthaltes in Jever zu dem Schluss:

 

    “Unwahrheiten und Rücksichtslosigkeiten waren oft zu beklagen, sein krasser Egoismus trat oft zu Tage. Meine Ermahnungen machten wenig Eindruck; Gegen meine Frau besaß er kein richtiges Benehmen, und für meine Kinder war er fast wie ein Störenfried”

 

Des weiteren beklagte er, dass Hartleben frivole Neigungen zeige, und dass dieses Verhalten negativ auf seine Geschwister wirken können. Auch durch das Großstadtleben, das seine Gefahren birgt, sei Otto Erich beeinflusst worden. Aber nicht nur Negatives ist aus seiner Zeit in Jever zu berichten. So z.B. trat mit der Zeit die Lyrik für Hartleben in den Mittelpunkt. In der folgenden Zeit gab es für Hartleben nichts anderes als Texte zu skandieren. Es machte dieses egal wann und egal wo. Egal ob er in der Schule oder zu Hause im Bett war. Er skandierte ein Buch nach dem anderen. Aber von einem Buch war er ganz und gar angetan. Es hieß “August Graf” und war von Platen Hallermünde geschrieben worden. Es sollte prägend für seine Zukunft vor allen Dingen als Schriftsteller sein. Aber ist das die richtige Beschäftigung für einen 15jährigen? Wahrscheinlich nicht. Aber trotz des großen Eifers, den Hartleben in der Schule mit dem Skandieren zeigte, war er in der Schule nicht sehr angesehen. Otto Erich machte auch in Jever am Gymnasium immer wieder Streiche mit den Lehrern, wie man es schon aus seiner früheren Zeit gewohnt war. Aber Otto Erich wusste nicht wann das Maß bei den Lehrer voll war. Ein gutes Beispiel hierfür findet man in einem Briefe eines Lehrers am Gymnasium in Jever, den er an Otto Erichs Großvater schickte:

 

    “Nachdem ich in Vertretung eines erkrankten Kollegen bei der Korrektur eines deutschen Aufsatzes ihn recht ernst hatte ermahnen müssen, dass er einfach und natürlich schreiben solle und bei der schriftlichen Rezension ihn besonders vor dem Streben originell zu sein gewarnt hatte, lieferte er einen neuen Aufsatz, der von Anfang bis zum Ende die reine Persiflage meiner Rezension ist. Da musste ich mir denn doch sagen, dass das Maß voll sei.”

 

 

 

In folge dieses Vorkommens musste Otto Erich sowohl seine Schule als auch seinen Wohnort wechseln. Also wechselte er im Frühsommer genauer genommen in den Osterferien des Jahres 1881 an das  “Königliche Gymnasium zu Celle”. Ab sofort wohnte er bei dem am selbigen Gymnasium unterrichtenden Lehrer Seebeck. Dieser Wechsel bedeutete für Otto Erich sehr viel, denn nun betrug die Entfernung zwischen seinem Wohnort Celle und seiner Heimatstadt Clausthal Zellerfeld nur noch 50 km, so dass er wieder einen intensiveren Kontakt zu seinen Freunden pflegen konnte. Unter anderem zählten zu diesen A. Hugenberg, Arthur Gutheil und sein Bruder Otto. Es gab aber auch in Celle viele Höhen und Tiefen für Otto Erich. Die häufigste Art sich bei den meisten Lehrern in die Kritik zu stellen waren meist sein Aufsätze, die sogar sein Verbleiben am Celler Gymnasium in Frage stellten

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        Otto Erich Hartleben (der dritte vom linken Flügel in der zweiten Reihe von unten) im Kreise seiner Mitschüler   als Obersekundaner des Celler Gymnasiums

 

Mit der Zeit gewann Otto Erich immer mehr Freunde sowohl in Celle als auch in den Bereichen in und um Hannover. Zu den wichtigsten gehörten Heinrich und Julius Hart. Aber auch Arno Holz zählte zu diesen. Mit der Zeit wuchs die Freundschaft zwischen diesen vier und ging sogar so weit, dass sie sich entschlossen hatten ein Buch mit ihren eigenen, bis dahin verfassten, Gedichten und Texten, zu veröffentlichen. Dieses Buch wurde wenig später unter dem Titel “Moderne Dichter-Charaktere” aufgelegt.

Aber auch in seiner Zeit in Celle sind Otto Erichs Vorlieben zu alkoholischen Getränke nicht in Vergessenheit geraten. So traf er sich häufig mit seinen Freunden in dem, nahe seiner Schule gelegenen, Lokal Namens “Sandkrug”. Anfang der 80er Jahre gründete Otto Erich mit seinen Freunden die B.B.B.V. (Bayrisch-Böhmische-Bier-Vetternwirtschaft). Diese Vetternwirtschaft diente dazu literarische Diskussionen mit fröhlicher Zecherei zu verbinden. Außerdem gilt sie als Vorläufer der zahlreichen Debattierzirkel, die sich in der folgenden Zeit in Berlin gründeten. Man weiß auch nicht ob dabei der Ulk oder der Ernst überwog. So gab sich jedes Mitglied dieser Runde einen Decknamen. Otto Erich bekam dadurch den Decknamen “Leopoldine Mufti”.

Aber neben dieser Runde und seiner ganzen Literatur vergaß er nicht sich auch um die Schule zu kümmern. So sollte in geraumer Zukunft sein Schulabschluss durch das Bestehen des Abiturs folgen. Der Direktor Ebeling des Gymnasiums notierte am 10.1.1885, im Zusammenhang mit der Zulassung Otto Erichs zum Abitur, folgende Worte, die seine Person beschreiben sollten:

 

    “Früh verwaist und viel umgeworfen. Ohne gründliche Vorbildung und gegen exaktes Lernen recalcitrierend hat sich sein scharfer Verstand früh auf hohe Dinge geworfen; Dilettant in Literatur und Schoppenhauerscher Philosophie. Fleiß für die Schule eben genügend, Betragen, ohne sittliche Überzeugung, anständig.”

 

Am 14.1.1885 wurde dem Antrag der Zulassung Otto Erichs zum Abitur durch die Kommission stattgegeben. Und nur 2 Monate später, nach Abschluss der ganzen Prüfungen, erhielt Otto Erich sein Abitur. Auch wenn es nicht gerade das beste war, sondern im Mittelfeld tendierte, war er doch sichtlich erleichtert, dass er es geschafft habe. So erhielt er zwar in 3 Fächern die Note “nicht genügend”, aber dafür schnitt er in den Fächern Deutsch und Griechisch mit “gut” ab. Darauf gab Otto Erich an Philosophie zu studieren aber dieses Studium sollte für ihn nur eine Illusion sein. Denn der Großvater, als sein Vormund, zwang Otto Erich dazu Jura zu studieren. So beeinflusste die Verwandtschaft Otto Erich wiederum, wie sie es schon damals gemacht haben, als er nach Jever gehen sollte. Wie sich aus einem seiner Briefe an seinen Großvater ersichtlich ist, sträubte er sich heftig dagegen Jura zu studieren:

 

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“Nun hatten sie immer gesagt, wenn du erst diese Schulrichtig hinter dir hast, kannst du studieren was du willst- und  meinem Großvater mütterlicherseits war dieses Versprechen auch ernst gewesen. Aber eine miserable Sorte von Menschen hatte sich zwischen ihn und mich zu drängen verstanden ... Leute von Amt und Würden und von weiter nichts., Mein Großvater besaß die verhängnisvolle Bescheidenheit  gegenüber einem berühmten Professor, einem Präsidenten, ja selber gegenüber einem Landrat  mich dessen Erziehungsversuchen preiszugeben. Also musste ich Jurist werden.”

Aber auf Grund der finanziellen Abhängigkeit von seinem Großvater musste er sich beugen und schrieb sich an der Universität in Berlin für das Sommersemester für Jura im Jahre 1885 ein.

Bis zu diesem Zeitpunkt lässt sich für den Lebensweg des inzwischen 21jährigen Hartleben vieles, aber nicht nur Positives, festhalten. So wuchs Otto Erich in gut-bürgerlichen Verhältnissen auf und widersetzte sich den an ihn gestellten Erwartungen in fast jeder Hinsicht. In der frühen Zeit seiner Kindheit entwickelten sich die literarischen Neigungen immer stärker, denen er im Laufe der Zeit konsequent folgte. Die Literatur war im Grunde genommen die Antriebskraft seines Lebens. Außerdem prägte sich durch den häufigeren Alkoholgenuss, der wohl als phantasieanregend zu sehen war, Otto Erichs Schriftform, die wohl als Zeitkritisch zu titulieren ist.