Herkunft und Kindheit des Otto Erich Hartleben:

Am 3. Juni des Jahres 1864 gegen 7 Uhr wurde der spätere Schriftsteller Otto Erich Hartleben in der Rollstraße des im Harz gelegenem Ortes Clausthal Zellerfeld geboren. Dieser Ort zählte im Jahre 1880 ca. 14000 Einwohner und war in dieser Zeit vom Bergbau stark geprägt. Er war das erste Kind des Ehepaares Herrmann und Elwine Hartleben. In den Tagebucheinträgen seiner Mutter Elwine, die die Kindheit Otto Erichs ziemlich genau dokumentieren, stellt  sie ihn  mit folgenden Worten dar:

        “Er war ein zierliches kleines Wesen von auffallend weißer Hautfarbe,

          mit einem Gesichtchen so ausgebildet und ausdrucksvoll wie man es

         selten bei neugeborenen Kindern findet”.

Am 10. Juli des selben Jahres wurde er in der Marktkirche zu Clausthal Zellerfeld getauft und erhielt die Zunamen Eduard Friedrich und hieß damit ab so fort mit vollem Namen Eduard Friedrich Otto Erich Hartleben. Auch zu seiner Taufe lässt sich ein Tagebucheintrag von seiner Mutter finden, in dem sie Otto Erich mit  den nachstehenden Worten beschreibt:

    “Während der ganzen heiligen Handlung war er wach, freundlich und ruhig. Schon in der vierten Woche seines Lebens verzog er sein kleines Gesichtchen zum Lächeln. Aber diese, in dem  Tagebuch der Mutter stehenden, Schmeicheleien Hartlebens sollten nicht seinen zukünftigen Charakter darstellen.”

 

Bild

 

Die ersten 6 Jahre seines bis dahin ruhigen und sorglosen Lebens verbrachte er in seiner Heimatstadt. Seine Erziehung erfolgte überwiegend durch seine Mutter Elwine, die eine religiöse Erziehung als Grundlage angemessen fand. Seine Zukunft sollte durch die religiösen Grundprinzipien, wie z.B. regelmäßige Gebete, Ermahnungen und Gottesfurcht, geprägt sein. Diese mittelständischen und geordneten Verhältnisse ließen für Otto Erich eine erfolgreiche und vernünftige Zukunft erwarten, aber er bewies seinen Eltern bereits im Kleinkindalter das Gegenteil. Bereits 2 Jahre nach Otto Erichs Geburt bekam die Familie Hartleben mit Otto 1866 und 2 Jahre danach also im Jahre 1868 mit Leo Nachwuchs. 2 Jahre danach sollte mit Else eine weitere Verstärkung der Familie Hartleben folgen. Im Frühjahr 1869 erhielt Otto Erich in der Warteschule¹ bei Fräulein Neimke Privatunterricht in Lesen und Schreiben. Ein Tagebucheintrag seiner Mutter beweißt auch, dass es mit der Erziehung Otto Erichs nicht leicht war. So lautet es in dem Eintrag:

 

    “Die arme “Tante” Neimke mit ihrem Grundsatz: “ Alles mit Liebe”  machst du oft manche Not. Einmal hast du ihr sogar ins Gesicht geschlagen. Du bist leider so wild und zu tapsch, dass du mich recht oft dem Weinen nahe bringst. Deine Neckereien und Streitigkeiten mit deinen kleinen Brüdern bringen dir manchen Klaps von mir ein, gegen welche du leider eine bedauerliche Gleichgültigkeit an den Tag legst.”

 

Mit Vokabeln wie z.B. “große Leidenschaft fürs Ruinieren der Sachen”, “unbändiger Junge” oder “ungeratenes Kind” beschrieb Elwine Otto Erich immer häufiger in ihrem Tagebuch. Infolge des mangelndem Respekts vor Autorität stellten sich immer mehr die Schulsorgen ein und wurde so von den Lehrern mit “Aufmerksamkeit nicht befriedigend”, “zu sehr zerstreut” und “Lerneifer mangelhaft” moniert. Mit der Zeit distanzierte sich Otto Erich immer mehr von der Religion und verweigerte so zum Beispiel ein Morgengebet mit der Begründung “Wenn ich aber schlecht geschlafen habe, dann kann ich doch nicht danken!”. Mit 10 Jahren bekam er durch einen Lehrer Argumentationshilfe, wodurch wohl sein Weg als Schriftsteller immer mehr geprägt werden sollte.

Hannover war ab dem Jahre 1870 der neue Wohnort der Hartlebens. Unterdessen war Elwine wieder schwanger und war nun mit der Erziehung der 3 Kinder völlig überfordert und so bekundete Otto Erich freiwillig den Wunsch bei seinem Großvater Eduard Angerstein zu wohnen. Denn das gute Verhältnis zwischen den beiden beruhte auf Gegenseitigkeit. Sein Großvater war von Beruf der Präsident des Landeskonsistoriums der Provinz Hannover und konnte Otto Erich auf Grund seines guten Lohnes viele Geschenke machen, was aber vielleicht auch an den vielen Kinderkrankheiten Otto Erichs gelegen hat, die ihn sogar bis an den Rand des Todes gebracht haben sollen. So z.B. bekam er von seinem Großvater zu seinem 7. Geburtstag ein Veloziped² und zu Weihnachten eine Laterna magica³. Nachdem Otto Erichs Schwester Else das Licht der Welt erblickt hatte und seine Mutter sich nun wieder um die Erziehung aller Kinder hätte kümmern können, erlaubte sie es weiterhin, dass Otto Erich bei seinem Opa wohnen kann. Wahrscheinlich ist diese Erlaubnis dadurch zu Stande gekommen, dass sie mit seiner Erziehung überfordert war oder sie aus Gründen der Bequemlichkeit genehmigt hatte. Es geht wohl darauf zurück, dass ihm so viel Freiraum sowohl von seiner Mutter als auch von seinem Opa gegeben wurde, aber er auch auf Grund seiner schulischen Schwächen, dass er bereits mit 10 (!) Jahren eine Vorliebe zu alkoholischen Getränken zeigte. Dieses Verhalten ist für einen 10 jährigen wohl nicht gerade sehr passend. Aber über dieses Verhalten war auch seine Mutter informiert und infolge dessen sehr beunruhigt und schrieb deshalb in ihr Tagebuch:

 

    “Neulich war sein Großvater ganz besonders unglücklich über dich, da er einen künftigen Trinker in ihm sehen zu müssen glaubte, weil er eine ihm verliehene Freiheit dazu benutzt hatte, in der Eilenriede mit ganz fremden Leuten Vergnügungsorte zu besuchen und von sich diesen Bier geben zu lassen, nach welchem Abenteuer er erst gegen Zehn sehr heiter heimkehrte”.

 

Im Laufe der Jahre sollte sich bei Otto Erich immer mehr eine Sucht nach Alkohol ausbilden. Zudem mochte Otto Erich nicht mit den anderen Kindern spielen, sondern las ein Buch nach dem anderen und machte seine ersten Versuche ein Theaterstück zu schreiben. Diese Begeisterung Bücher zu lesen lässt sich in einer der letzten Tagebucheinträge der Mutter bestätigen:

 

    “An andere Knaben schließt er sich fast gar nicht an und ist immer nur auf der Bücherjagd”; “Deine Lesewut wird bedenklich, und damit du nicht über jedes Buch herfällst, was dir zur Hand kommt, haben wir dir zu deiner großen Freude erlaubt, in der Schulbibliothek zu abonnieren”.

 

Nach und nach begann Otto Erich damit beim Lesen ein Gläschen Wein zu trinken und vereinte damit 2 Eigenschaften, die für ihn in seiner Zukunft noch eine wichtige Rolle spielen sollten. Als Dank für die vielen Geschenke seines Großvaters, widmete Otto Erich ihm sein erstes Schauspiel, das den Titel “Die spartanische Revolution” bekam. Mit der Zeit entwickelte der 11 jährige Hartleben, der immer noch als “missratener Bengel” bezeichnet wurde, ein großes Interesse an dem Unterrichtsfach Geschichte und verarbeitete dieses Wissen in seinen folgenden Theaterstücke. Infolge dessen schenkte er seinem Vater im Jahre 1875 das Lustspiel “Liebesgeschichtlicher Tendenz” zum Geburtstag und widmete ein Jahr später seiner Mutter ein weiteres Stück. Auch seine Schulkameraden verstanden sein Verhalten nicht und berichteten sogar vom “Schnapsgenuss zum Schulpausenbrot”. Es war im Jahr 1874 als Gertrud und im Jahre 1875 als Annemarie, die Schwestern Otto Erichs geboren wurden. Damit zählte die Familie Hartleben nun 6 Kinder. Einen großen Rückschlag erlebte Otto Erich im Jahre 1876 als seine Mutter starb. Und nur 3 Jahre später starb auch sein Vater. Nun übernahmen der Großvater und die zwei Tanten die Erziehung der Kinder Otto Erich, Otto, Leo, Else, Marianne und Gertrud. Otto Erich wechselte auf Bestimmung seines Großvaters, um eine bessere Erziehung zu erlangen, auf das Gymnasium in Jever.

 

D. Sawischlewski