Otto Erich Hartleben  sein Leben und Wirken als Dichter

 

1. Die Jugend  dichterische Höchstleistungen und alkoholische Exzesse (1874-1885)

Bereits in früher Jugend zeichnete sich das spätere Leben des Otto Erich Hartleben ab. Mit gerade einmal zehn Jahren schrieb er sein erstes Drama, es handelte sich um “Die spartanische Revolution”, das er seinem Großvater, widmete. Hartleben war allerdings in dieser Zeit auch schon dem Alkohol sehr zugetan, wobei das hannoversche Nachbarskind Kurt Kamlah vom “Schnapsgenuss zum Schulpausenbrot” berichtete.

Mit seinen jugendlichen Freunden machte Hartleben dann auch seine ersten “Theatererfahrungen”, von denen besagter K. Kamlah berichtete: Bei den drei Vettern (Hartleben und seine zwei Brüder) gab es ein Puppentheater, dessen Brettchen die damalige Welt Erichs bedeuteten. In einem Alter, das anderen kaum richtige Rechtschreibung gegeben, hatte er sein erstes Drama verfasst. Da saßen sie nun, die jungen kurzbehosten Hörer und schürzchentragenden Zuschauerinnen vor der “Bühne bunt und heimlich”, atemlos folgten sie dem Geschick eines armen Handwerksburschen, [...] Welch ein Geheimnis war dieses anspruchslose Papiertheater mit seinen sechs Kulissen und grellen Hintergründen, alle Rätsel des Lebens schienen hinter dem ziegelroten Vorhang zu liegen.

Dies sind die ersten Hinweise für die ersten dichterischen Leistungen, die der junge Hartleben vollbrachte. Allerdings verbanden sich diese beeindruckenden Leistungen auch mit vielen negativen Fakten, und davon war der frühe Alkoholgenuss nur ein Teil. So schilderte z. B. die kleine Schwester Otto Erichs, Annmarie, ihre ersten kindheitlichen Erfahrungen so: In meiner Erinnerung taucht dieser große Bruder zuerst als schwarzes Schaf der Familie auf, das in den Ferien nicht nach Hause kommen durfte, weil es wieder mal sitzen geblieben war. [...] Als Erich in der Schule dauernd sitzen blieb, musste er das Gymnasium in Hannover verlassen. [...] Erst in Celle, wo ein Freund der Familie das Gymnasium leitete (das spätere Ernestinum), gelang es diesem, ihn bis zum Abitur durchzubringen. [...] Während dieser ganzen Zeit beschränkt sich meine Erinnerung an ihn auf seltene Ferientage und häufige Zornesausbrüche des Großvaters über “Schandtaten”, die mir unverständlich waren, sowie auf Reden der Tanten, die mich vor diesem Bruder warnten.

Somit wurde nach dem Tod der Eltern für den jungen Hartleben schnell klar, dass der Rückhalt der Verwandten bzgl. seiner dichterischen Vorlieben  und eben all dem, was damit verbunden war  sehr gering war.

Während seiner abenteuerlichen Schulzeit, die ihn von Schule zu Schule und letztendlich zum Gymnasium in Celle führte, hielt Hartleben dennoch den Kontakt zu seinen Jugendfreunden in Hannover. Hier sind besonders die Briefwechsel mit Arthur Gutheil und Alfred Hugenberg zu beachten. Außerdem pflegte Hartleben besonders mit seinem ältesten Bruder Otto regen Briefkontakt.

Briefe an Arthur Gutheil, Alfred Hugenberg und den kleinen Bruder Otto:

Die Briefe des jungen Hartleben, die in dieser Zeit wie erwähnt hauptsächlich auch an seine Freunde Arthur Gutheil und Alfred Hugenberg gingen, waren von sehr komplizierter Natur. Überhaupt war es in seiner Schulzeit Hartlebens besondere Freude, seine Sätze derartig kompliziert zu gestalten, dass der Leser nur noch mit Mühe überhaupt den Inhalt begreifen konnte. Außerdem sind diese Briefe sehr emotional geprägt und Hartleben erlaubt sich sogar ab und zu Schimpfworte einzuwerfen. Aus dem Inhalt der Briefe gehen klar die frühen schriftstellerischen Versuche, die ja besonders in Hartlebens Celler Zeit stattfanden, hervor.

In den Briefen, die Hartleben an Otto in seiner Celler Zeit schrieb, geht eindeutig die enge Beziehung, die die beiden Brüder miteinander verband hervor. Anreden wie “Theurer Bruder”, “Otto! Kind meiner Liebe!” oder “Sonne meines Daseins” belegen dies wohl eindeutig. Nur im letzten Brief Hartlebens geht eine Meinungsverschiedenheit hervor. Es scheint so, als ob der kleine Bruder nicht mit dem Großvater Eduard Angerstein zurechtkam und Erich deshalb um die gute Beziehung, die dieser zu seinem Großvater hatte, beneidete.

Ausführliche Informationen zu diesen Briefen unter Otto Erich Hartleben  Private Briefe eines Schriftstellers in der Jugendzeit.

Während dieser Zeit begann Hartleben dann auch mit seinen ersten lyrischen Versuchen (1880). In seinen Tagebuch schreibt Hartleben über diese Zeit: Ja, das war die Zeit, wo ich den ganzen Tag scandierte und wo ich, wenn ich ein Gedicht hörte oder las, in der Luft immer die Zeichen: -  #  -  #  -  # (# für “Kürzen”) oder \ /  \ /  \ / leibhaftig vor mir sah, wo ich mit Platen aufstand und mit Platen zu Bette ging, wo ich über jedes Gedicht, das ich selbst machte, das Schema malte, wo ich in den Schulstunden alle Löschblätter voll Odenformen kritzelte [...]. (Q: TB, hrsg.: Heitmueller 1906)

Als Hartleben 1881 an das Königliche Gymnasium zu Celle kam. Erlebte er eine dichterische Blüte wie nie zuvor. In dieser Zeit begann Hartleben auch seine sowieso sehr kritische Weltauffassung auf die Dichtkunst auszuweiten. In einem Brief an Arthur Gutheil vom 22.1. 1882: Die Ansichten, welche bei uns zu Überzeugungen geworden sind, besitzen im Grunde doch nur relative Gültigkeit und Wahrheit. [...] Ich meine, daß die deutsche Theaterkunst auf Grund des “Dilettantismus” in Deutschland furchtbar darniederliegt. In Frankreich ist das anders. Dort blüht das moderne Theater. Und warum da? Weil die Franzosen einsehen, daß mit Dilettantismus nichts zu erreichen ist, daß sie die Kunst erst lernen müssen bevor sie sie können [...]  wir Deutschen sind doch noch so sehr im Thrane, so voll Schönselig- und Blaublumigkeit, daß Handwerk und Kunst in einem Athem zu nennen uns vorkommt, wie Vanille-Eis mit Senfsauce [...].

Aber nicht nur Hartlebens kritisches Vermögen erweiterte sich während seiner Celler Zeit, auch las er immer mehr Bücher und beschäftigte sich immer intensiver mit der Dichtkunst.

Unter diesen zahlreichen Werken waren auch solche, die sich mit der Religionsphilosopie befassten. Dabei sagte Hartleben offensichtlich Georg Friedrich Daumers Diskussion über das Christentum besonders zu. Dieses Buch war allerdings vor allem durch Daumers “ketzerische” Gedanken geprägt und vereinigte sich gut mit Hartlebens Opposition zur Kirche und Religiosität.

Zu Hartlebens “antichristlichen” Zügen lässt sich vor allem eine Anekdote erzählen, die er zu späterem Zeitpunkt erwähnte: In der Religionsstunde hatten wir über das Thema verhandelt: Ich der Herr dein Gott lasse nicht mit mir spaßen, sondern werde die Sünden der Väter nachsuchen an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied  in der darauf folgenden Stunde lasen wir Iphigenie von Goethe und der Zufall will, daß ich [...] die Verse zu lesen habe: “Die Götter rächen der Väter Sünden an den Kindern nicht  ein Jeglicher, Gut oder Böse, nimmt sich seine Schuld mit seiner That hinweg.” Ich lese sie  ergriffen  und sehe dann starr und fragend den Director an. Und richtig: er kriegt einen rothen Kopf und sagt: “Wir haben in der vorigen Stunde gehört, daß es im Katechismus heißt: ich dein Gott lasse nicht mit mir spaßen usw.. Wie läßt sich das vereinigen?” Ich feixte natürlich wie ein Affe  und er im heftigsten Zorne, ohne irgendeine Antwort abzuwarten: “Hartleben, Sie verlassen sofort das Zimmer!”  so gelangte ich ins Freie und zu einem völlig unerwarteten Frühschoppen.

Hartlebens oppositioneller Geist ergriff aber nicht nur die Religion sondern auch das in dieser Zeit Bismarcks so hoch gelobte Kaiserreich. Hartleben entwickelte ebenfalls in dieser Zeit seine ausgeprägte republikanische Gesinnung und verspottete den “Kanzler” in höchsten Tönen.

Durch diese Meinungen, die Hartleben auch fleißig kundtat, etablierte er sich immer mehr als Querkopf und Rebell, was enorm wichtig auch für sein dichterisches Werk sein sollte.

Während Hartleben in den Jahren 81 bis 85 unermüdlich Oden und bevorzugt Liebesgedichte verfasste, geriet er auch zum ersten Mal in Kontakt mit den Brüdern Hart, die mit “Kritische Waffengänge” den Frühnaturalismus prägten, und Arno Holz. Gemeinsam plante Hartleben, der über den Hannoveraner Freundeskreis nun auch in Berlin Kontakt gesucht hatte, mit diesen jungen Schriftstellern eine Anthologie namens “Unser Credo” zu veröffentlichen. Diese Streitschrift war derartig scharf formuliert, dass sich selbst der sozialdemokratische Verlag Dietz zunächst nicht traute sie zu drucken. Vor allem Hartlebens Beiträge hätten beinahe zu einem Verbot der Sammlung geführt, die 1885 unter dem Namen “Moderne Dichtercharaktere” herauskam.

Weiterhin interessant ist Hartlebens B. B. B. V. (Bayrisch-Böhmische-Bier-Vetternwirtschaft), die er in dieser Zeit gründete. Dieser “Genie-Konvent” traf sich in der Celler Kneipe “Sandkrug” und bestand aus einer originellen Kombination von literarischer Diskussion und feucht-fröhlicher Zecherei. Die Mitglieder dieser bunten Gesellschaft gaben sich gegenseitig Decknamen, wobei Hartleben als “Leopoldine Mufti” bezeichnet wurde. Hartleben beschreibt die B. B. B. V. in seinem Tagebuch so: Die braunen Bierkrüge wurden mächtig geschwungen, man kritisierte, philosophierte und schlug Autoritäten massenweise tot. [...] Die gesamte B. B. B. V. war der perongewordene Protest gegen hergebrachte Bürgermoral (diese wesentlichen Züge werden wir in Hs “naturalistischer Zeit” wiederfinden) und behagliche Philistersentimentalität, [...] Nicht jeder Vetter war ein Dichter, alle aber nahmen Teil an der Literaturrevolution. [...]

Moderne Dichtercharaktere, Quartett  Hartlebens erste große Veröffentlichungen (85/86)

“Moderne Dichtercharaktere” war eine Sammelschrift, in der Hartleben insbesondere mit seinen Celler Gedichten mitwirkte. Hier machten sich allerlei neue Schriftsteller Luft. Insgesamt belief sich die Zahl der Autoren auf 22, darunter waren u. a. Karl Bleibtreu, Hermann Conradi, die Brüder Hart, Arno Holz, Oskar Jerschke; Karl Henckell und Alfred Hugenberg.

Ziel all dieser jungen Dichter war die Literaturrevolution, man wollte eine neue Epoche einleiten. Dabei hatten die einzelnen Autoren verschiedenen Vorstellungen von dieser Revolution. Conradi glaubte, eine “richtige” Nationalliteratur wieder neu zu erschaffen, während die Gebrüder Hart zum Naturalismus tendierten.

Die Literaturrevolution, die in den 80er und 90er Jahren des 19. Jahrhunderts wirklich in ganz Europa stattfand, wurde oft mit der “Sturm und Drang”-Phase zu Goethes Zeiten, die damals auch schon über 100 Jahre zurücklag, verglichen.

1886 erschien schließlich der Gedichtband “Quartett”. Er wurde von Hartleben und seinen Freunden aus Hannover (Alfred Hugenberg, Karl Henckel, Arthur Gutheil) zusammengestellt. In diesem Band befanden sich wiederum hauptsächlich Celler Gedichte, allerdings handelte es sich nicht um kämpferische wie in “Moderne Dichtercharaktere”, sondern fast ausschließlich um Idyllen- und Liebesgedichte.

Man kann also durchaus sagen, das Hartleben zwei wesentliche Charaktereigenschaften in den beiden Werken zur Schau stellte: In “Moderne Dichtercharaktere” seinen Kampfgeist und in “Quartett” seinen Schöngeist.

Trotz der Mühen, die sich Hartleben und seinen jungen Kollegen gemacht haben lässt sich angesichts dieser Bände nur ein schwaches Fazit ziehen. Besonders das “Quartett” fand so gut wie gar keine Anerkennung beim literarischen Publikum und Hartlebens lyrischer Stil wurde auch von anderen jungen Dichtern, z. B. Conradi, kritisiert. Zu Beginn seiner dichterischen Karriere blieb der Erfolg also erwartungsgemäß aus.

Q: Abschnitt “Moderne Dichtercharaktere, Quartett”, Magisterarbeit von D. G. Stechern

Nachdem Hartleben das Abitur bestanden hatte, studierte er auf Wunsch der Verwandten zunächst Jura. Nach 4 Jahren entschloss er sich dann endgültig, das Jurastudium abzubrechen und gegen den Willen seiner Verwandten freier Schriftsteller zu werden. 1889 übersiedelte er schließlich guter Hoffnung nach Berlin, wo er viele seiner früheren Dichterfreunde wiedertraf.

 

Ein tatkräftiger Entschluss, “Litterat zu werden”

Otto Erich Hartleben war es in seinem bisherigen Leben verwehrt gewesen, seine dichterische Laufbahn auch auf den Beruf auszuweiten. Der Wunsch einiger Verwandten seines strengen Großvaters war es gewesen, dass er Jura studiere. Wohl oder übel musste sich der junge Dichter diesem Wunsch fügen. Doch als Hartleben nach begonnenem Studium schließlich an die Strafkammer in Magdeburg gelangte, erlangte er endgültig die Ansicht, dass das Studium der Rechte nicht der richtige Weg war. In der Tat wurde Hartleben deutlich, dass er lieber neben den Angeklagten gesessen hätte, als auf dem Richtstuhl. In einem Brief an seinen Großvater unterrichtete er diesen deshalb über seinen Wunsch, Schriftsteller zu werden. Der hielt allerdings gar nichts von dieser Entscheidung, da “Schriftsteller und Hungerleider ihm zeitlebens Synonyme gewesen waren”. Deshalb schickte er sich an, seinen Enkel doch noch umzustimmen, indem er ihm darlegte, dass er, wenn Otto Erich nun ja nach Berlin gehen wolle, “um Litterat zu werden”, fortan nur noch 100 statt 300 Mark Unterstützung zahlen wolle, und fragte ihn, ob er es denn darauf ankommen lassen wolle. Und Hartleben ließ es darauf ankommen. Wenig später teilte er dann auch einigen Freunden mittels eines Gedichtes seinen Entschluss mit. Dieses sei hier erwähnt:

Wisst, dass ich alle Fesseln der Geduld zerrissen habe, mich ganz und gar der Ungebundenheit beflissen habe, dass ich als Refrendar gottlob ins Gras gebissen habe, d. h. der heiligen Frau Justitia was geschissen habe, und nun zum Ruhekissen erst ein gut Gewissen habe.

Q: Autobiographie von O. E. Hartleben

 

2. Ein führender Kopf des Naturalismus (1890-1893)

Als der 26jährige Hartleben im Jahre 1890 schließlich nach Berlin kam, um seine Karriere als freier Schriftsteller zu beginnen, hoffte er auf baldige auch finanzielle Erfolge. In seinem Rücken stand sowohl der aus seinem Entschluss, die juristische Laufbahn zu beenden, folgende Streit mit den großväterlichen Verwandten, die ihm diesen “Ausrutscher” angeblich nie verziehen haben, und ein Schuldenberg, der sich zu dieser Zeit wohl auf etwa 17000 Mark belief, von dem er aber durch eine zwischenzeitliche Periode der Gunst von seinem Großvater befreit wurde.

In Berlin, der Reichshauptstadt und dem damaligen kulturellen Zentrum Deutschlands, wohnte Hartleben von 1891 bis 1899 in einer Wohnung in der Karlstraße 32.

Bereits von Anfang seines Aufenthaltes an mischte sich Hartleben in das rege dichterische Leben der Großstadt Berlin. Seine Hoffnung jährlich 20000 Reichsmark zu verdienen, die sich sehr bald schon als eines der größten Irrtümer seines Lebens herausstellen sollte, wollte er durch eine Beteiligung an mehreren literarischen Zeitungen verwirklichen. Unter diesen waren z. B. die “Berliner Monatshefte für Literatur, Kritik und Theater”, “Die Gesellschaft”, die “Freie Bühne”, “Pan”, “Die Jugend” und das “Berliner Tageblatt”. Außerdem arbeitete er für ein Gehalt von 250 Reichsmark für das Lessingtheater als Dramaturg.

Schon bald fand auch eine jähe Kommunikation zwischen Hartleben und anderen jungen Dichtern statt, die in der Landeshauptstadt weilten. Unter ihnen waren u. a. die bekannten Kollegen Arno Holz, die Brüder Hart, Gerhart Hauptmann (ein führender Schriftsteller des deutschen Naturalismus), Richard Dehmel, Otto Julius Bierbaum, Paul Scheerbart, John Henry Mackay und Paul Ernst.

In seiner dichterischen Laufbahn hatte sich Otto Erich Hartleben dem bereits erwähnten Naturalismus verschrieben, was sich auch gut mit seiner republikanischen, sozialdemokratischen und revolutionären Gesinnnung deckte.

Definition: Naturalismus

Die literarische Form des Naturalismus verkörpert das Bestreben, Darstellungen in der Literatur möglichst natürlich und wahrheitsgetreu zu gestalten. Der Naturalismus steht im Gegensatz zu jeglicher idealistischer Darstellung und befasst sich häufig mit dem alltäglichen Leben der Menschen.

In der Zeit von 1880 bis 1900 dehnte sich der Naturalismus zu einer europaweiten Bewegung aus, die insbesondere in Frankreich stattfand. Der Anlass ergab sich aus dem Problem der immer größer werdenden Großstädte und der vermehrten Aktualität der sozialen Frage.

Ein wichtiges Ziel des Naturalismus war vor allem die Provokation von sogenannten “höheren Bürgern”, indem er absichtlich das hässliche Leben im proletarischen Milieu beschrieb.

Wichtige Verfechter des Naturalismus waren u. a. Zola, Tolstoi, Ibsen und Hauptmann in Deutschland.

Q: Brockhaus, Naturalismus

Zu dieser Zeit gelang es Hartleben, sich wirklich an der Literaturrevolution, die mit dem Naturalismus 1890 auch in Deutschland ihren Höhepunkt fand, zu beteiligen.

Seinen ersten größeren Erfolg konnte Hartleben dann mit dem Theaterstück “Angele. Eine Comödie” feiern. Dieses Stück wurde am 30. 11. 1890 in der von Otto Brahm geleiteten “Freien Bühne” aufgeführt. Dieses Theater gehörte zu den vielen in Berlin, die damals naturalistische Stücke zeigten, und es galt als Forum für Naturalisten.

Auch hier lässt sich im Vorfeld dieser Aufführung eine bezeichnende Anekdote erwähnen. Zunächst war das Stück “Angele” zu kurz für eine abendfüllende Veranstaltung gewesen, und man beauftragte Hartleben mit der Ausarbeitung eines zweiten, etwa gleich langen Teiles. Doch schon hier zeigte sich die Unzuverlässigkeit des Dichters, der es auf Grund seiner Faulheit nicht fertigbrachte diese Auftragsarbeit zu erledigen. So wurde “Angele” schließlich zusammen mit Marie Ebner-Eschenbachs “Ohne Liebe” uraufgeführt.

Einerseits war das Stück ein überraschender Erfolg, andererseits schockierte es mit seiner intim naturalistischen Art, in der sich mehrere Männer eine Frau auf dubiose Weise und unter Verstrickung zahlreicher Affären teilen. So bekam Hartleben schnell den Ruf eines frivolen und zynischen Schriftstellers, den er nicht einmal über seinen Tod hinaus wieder los wurde. Im Jahre 1977 hielt sich dieses Urteil immer noch, wo ein Kritiker schreibt: Bewußt zynisch gebärdet sich Hartleben in seiner “Angele”, wo sich Vater und Sohn dasselbe Mädchen teilen, ohne dabei irgendwelche Skrupel zu empfinden, da sie in der Frau lediglich das “Weibchen” oder das männerbeglückende Genusswesen sehen.

In besonders konservativen Kreisen wurde Hartleben schließlich als “Pornograph” bezeichnet.

Trotz dieser Kritik gelang Hartleben mit diesem Achtungserfolg der endgültige Einstieg in die Berliner Welt der Literaten. So zog er schließlich im Herbst 1890 angesichts des Erfolges endgültig von Magdeburg, wo er noch während seines Jurastudiums zuletzt geweilt hatte, zunächst in eine Parterre-Wohnung in der Bayreutherstraße 5 und schließlich in die besagte Wohnung in der Karlstraße 32. In dieser Wohnung führte er mit seiner Geliebten Selma Hesse, die er bereits 1886 kennen gelernt hatte, ein luxuriöses Leben. So betrug die Miete dieser Wohnung fast 800 Reichsmark, wobei Hartleben gerade einmal 100 RM von seinem Großvater erhielt und seine Verdienste als Schriftsteller auch nicht sehr üppig waren. Doch Hartleben schaffte es immer, wieder dank seines “Pumpgenies” sich das fehlende Geld zu borgen. Je länger Hartleben in Berlin weilte, desto größer wurde auch sein Bekanntschaftskreis, und das nicht nur

unter Dichtern. Z. B. lernte der junge Schriftsteller den Jungverleger Samuel Fischer kennen, der inzwischen mit seinem S. Fischerverlag die Führung in der Verlegung naturalistischer Schriftstücke übernommen hatte. Hartleben wurde schnell zu einem der wenigsten Duz-Freunde des zurückhaltenden Fischer

und sie verband eine enge Beziehung. Auch im weiteren Aufbau des Verlages spielte Hartleben als engster Vertrauter Fischers eine nicht unerheblicheRolle. Bis über seinen Tod hinaus wurde der Fischerverlag der Hausverlag Hartlebens.

Das erste Buch Hartlebens, das von Fischer herausgegeben wurde war “Angele”. In dieser Zeit erfuhren natürlich auch die Verwandten Hartlebens über dessen Karriere. Otto Erichs kleine Schwester Annemarie berichtete in ihren Erinnerungen: Als er gar unter die Dichter ging und gedruckte Verse von ihm herauskamen, die nur von Liebe handelten, wurden diese ängstlich vor uns Schwestern versteckt und geheimgehalten. Ich war schließlich ganz überzeugt, dass er ein schlechter Mensch sein müsse. Als im Jahre 1889 in der “Freien Bühne” seine ersten Stücke aufgeführt wurden [...], war ich erst 14 Jahre alt, und die Tanten waren außer sich vor Entsetzen: “Du wirst niemals seinen anständigen Mann bekommen mit solch einem Bruder.” Höre ich noch die eine sagen, und natürlich glaubte ich ihr.

So wurde Hartleben von seinen eigenen Verwandten, die ihn auch schon zum Jurastudium gezwungen hatten, zum Tabu erklärt.

Damit waren auch die letzten Banden gebrochen und Hartleben begann nun sein Dichterleben “ausführlich” zu leben. Anfang 1891 reiste er das erste Mal nach Italien, was bis zu seinem Lebensende seine zweite Heimat werden sollte. Ebenfalls im Jahre 1891 wurde Hartleben Schriftführer der “Freien Volksbühne” und versuchte sich als sozialistischer Schriftsteller. Außerdem unterrichtete Hartleben zeitweilig in Arbeiterbildungsstätten Deutsch, “um die Sprache des Volkes zu lernen”. Doch auch dies weilte, wie alle Unternehmungen Hartlebens, nicht lange. Seine sozialistischen Bemühungen standen in Verbindung mit dem Naturalismus, der bei seinen Aufführungen tatsächlich hauptsächlich nur Mitglieder der damaligen “Arbeiterklasse” anzog. Doch als sich dieses “Volk” nicht derart, wie Hartleben sich es vorgestellt hatte, belehren ließ, klang die sozialistische Position wie eine zeitweilige Eskapade des Dichters ab.

Schließlich wurde Hartleben in der Berliner Theaterlandschaft immer bekannter und seine Stücke wurden zum Teil der Berliner Bühnen. Mit “Hanna Jager”, der “Erziehung zur Ehe”, und “Ein Ehrenwort” machte Hartleben weiterhin auf sich aufmerksam. Ein großer Erfolg wurde im Jahre 1893 “Die Geschichte vom abgerissenen Knopfe”, eine Sammlung mehrerer kurzer Geschichten, die auch als dramatisierte Fassung auf die Bühne kam und prompt ein Publikumserfolg wurde. Der ganz große Durchbruch blieb aber trotzdem versagt.

 

3. Die Wende: Hartlebens Schicksalsjahre (1893-1899)

Am 17. 10. 1893 starb der 88jährige Eduard Angerstein. Hartleben erbte 80000 Mark und auf Grund der Entfremdung der vergangenen Jahre freute sich Otto Erich mehr über das Geld, als er um den einst geliebten Großvater trauerte. Die Schulden Hartlebens waren inzwischen durch sein freigiebiges Leben wieder auf eine Summe von 15000 RM angewachsen, und deshalb benötigte der Erbe das Geld des Großvaters dringend. Doch sein Onkel war zur Verwaltung des Vermögens eingesetzt worden und dies erschwerte die Angelegenheit erheblich für Hartleben.

Trotz dieser Schwierigkeiten war Hartleben nun finanziell abgesichert und so heiratete er am 2. 12. 1893 Selma Hesse. Von der anschließenden Hochzeitsreise, die Otto Erich und Selma unternahmen, wird in “Mei Erich”, das von Selma nach dem Tod ihres Mannes herausgegeben wurde, ausführlich berichtet.

Doch bereits vor der Ehe war die Beziehung zwischen Otto Erich und Selma nicht mehr von der anfänglichen frischen Liebe geprägt gewesen. Selma verspürte eine Ablehnung gegen den in gewisser Weise exzessiven Lebensstil ihres Mannes, doch dieser ließ sich von “Moppchen”, wie er Selma bevorzugt nannte, nicht reglementieren. So kann man also doch sagen, dass Selma mit dieser Ehe nicht gerade glücklich war.

Doch das Jahr 1893 wurde nicht nur zum Anfang einer Ehe und zur “annähernden” finanziellen Unabhängigkeit, sondern auch die Wende in Hartlebens Leben. Ab diesem Zeitpunkt hatte der Dichter bereits im Alter von 30 Jahren den schöpferischen Höhepunkt seiner Dichterkarriere überschritten, aber trotzdem hatte er bis dahin nur sechs kurze Theaterstücke und einige schmale Lyrikbände herausgebracht. Ab diesem Zeitpunkt trat immer mehr das “Nachher werd ich arbeiten.” in den Vordergrund. Eine wesentliche Begebenheit zu diesem Aspekt erzählte Selma Hartleben später über die Entstehung des “Römischen Malers” (1898).

Hartleben erzählte seiner Frau von einer literarischen Gesellschaft, bei der er aus seinen Werken lesen solle. Dabei käme es dem Vorsitzenden besonders auf den “Römischen Maler” an, der zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht fertiggestellt war. Hartleben zeigte sich aber zuversichtlich und schlug die dringenden Bedenken Selmas in den Wind. Er versprach hart zu arbeiten, jedoch sein nächster Satz lautete: “Ich gehe rasch, einen Frühschoppen zu trinken und komme bald wieder, dann wird gearbeitet. Vorher will ich noch nach Halle depeschieren, damit die Programme gedruckt werden können.” So verging also der Tag und am Abend war immer noch kein Erich zu sehen. Und auch am nächsten Morgen sah sich Selma immer noch als “Strohwitwe”. Im Laufe des Vormittags kam er dann sehr vergnügt und sagte: “Ich muss jetzt noch schlafen,... dann fahren wir zusammen nach Halle.” Darauf fragte Selma ob denn die Novelle schon fertig sei. Als Antwort bekam sie “Nein, aber hab keine Angst, das mache ich schon.” zu hören. Drei Stunden vor Beginn der Vorlesung kamen Otto Erich und Selma in Halle ein, wo sie den Vorsitzenden der literarischen Gesellschaft trafen. Diesen stellte der Dichter vor die vollendete Tatsache, dass sie jetzt in ein Weinlokal gehen würden, wo er dann “schnell” den “Römischen Maler” beenden wolle. Und tatsächlich schaffte der sorglose Dichter das auch, zwar mehr recht als schlecht, aber das machte ihm offensichtlich nicht viel aus.

Um die Anekdote zu beenden ist bezeichnenderweise noch zu sagen, dass sich Hartleben in der Vorlesung nicht im geringsten um das gedruckte Programmkümmerte, sondern einfach auf einige ältere Texte zurückgriff, von denen er annahm, dass sie das Publikum wohl aus der Fassung bringen müssten. Während Hartleben diese vortrug verließen die meisten der Zuhörer aus Protest den Saal, das störte den Dichter jedoch wenig.

Q: Artikel der Zeitschrift “Info3”, 2/1987 von Henning Köhler

Immer mehr wandelte sich Hartlebens Lebensstil vom schriftstellerischen Fleiß zu einer Unternehmung von Reisen und Kneipnächten.

Im Jahr 1894 unternahm Hartleben dann fast ausschließlich Reisen. Die erste Hälfte des Jahres weilte er in Süddeutschland, wo er auch neue Bekanntschaften machte. Im Herbst kehrte er schließlich nach Berlin zu seiner einsamen Ehefrau zurück. Auch für die folgende Jahre gewöhnte Hartleben sich einen “Reisezyklus” an, bei dem er meist im Frühling nach München aufbrach und von dort bis nach Italien weiterreiste. Meist kehrte er dann im Herbst oder Winter zurück.

1895 versuchte Hartleben sich unter anderem mit einer Mitarbeit am “Simplicissimus”, dessen Sinn er allerdings nicht verstand, und so platzte diese Tätigkeit bald wieder.

Ebenfalls arbeitete er an der bereits erwähnten Zeitschrift “Die Jugend” mit und erfand den Serenissimus, was kleinen, möglichst kurzen Anekdoten entsprach. Mit dieser Erfindung hatte der Dichter immensen Erfolg. Zuletzt erschien eine Lyrikgesamtausgabe mit dem Titel “Meine Verse”

Im Jahre 1896 gründete Hartleben dann den “Verbrecherstammtisch”, bei dem es sich um eine Kneipenrunde handelte und den man als Fortsetzung der früheren B. B. B. V. bezeichnen kann. An diesem Tisch wurde viel über Politik, die Welt, das Volk oder eben auch die Dichtkunst geredet und dabei  jede Menge Bier getrunken. Allerdings wurde berichtet, dass sich Hartleben bei dieser Runde sowohl mit dem Alkohol, als auch mit seinen revolutionären Reden eher bedeckt gehalten habe.

Literarisch schuf Hartleben im Jahr 96 nur einen Erzählungsband mit dem Namen “Der gastfreie Pastor”. Die Einnahmen wurden nun immer spärlicher und das 1895 vollständig ausgezahlte Erbe war bis zum Jahresende vollkommen verbraucht. Aber auch in anderer Hinsicht war das Jahr 1896 ein Schicksalsjahr des Dichters. So schreibt er in einem Brief: Ich muss sehr viel trinken, um nicht einfach verrückt zu werden. Des Morgen, wenn ich aufwache, habe ich ein Angstgefühl, das ich dir nicht beschreiben kann, und das erst nach einigen großen Gläsern Wermuts wieder weicht. [...]  meine Nerven sind in einer Überspannung, wie ich sie niemals früher gekannt habe.

Dieser Ausschnitt beschreibt klar den schlechten gesundheitlichen Zustand, in dem sich Hartleben schon mit 32 Jahren befand. Der Alkoholismus hatte über die Jahre hinweg seine Spuren an dem “unternehmungslustigen” Dichter hinterlassen. Doch der ließ sich auch trotz dieser gefährlichen Anzeichen nicht erschrecken und wollte seinen Lebenswandel nicht ändern. Bis zu seinem Tode war der Galgenhumor eine stete Eigenschaft Otto Erich Hartlebens, die er nie verlor

Im selben Jahr traf Otto Erich Ellen von Döhn, eine Jugendliebe, die er 11 Jahre nicht gesehen hatte, im Wallner-Theater in Berlin wieder. Ellen war in unglücklicher Ehe mit dem Lehrer Julius Birr und hatte eine Tochter. So flammte mit einem Mal die alte Liebe wieder auf, Ellen ließ sich von ihrem Mann scheiden und fortan begleitete sie Otto Erich Hartleben auf seinen Reisen.

Hartleben gestand seiner Frau von Anfang an das Verhältnis mit Ellen. Aber trotzdem unterließ er es nicht, sogar auf Reisen, die er mit Ellen unternahm, immer treue Briefe an seine Frau, die in Berlin weilte, zu schreiben.

Doch Selma wollte sich mit diesem Doppelleben ihres Ehemannes nicht abfinden. Sie forderte eine Entscheidung von Otto Erich, doch der wollte beide Frauen “behalten”. Fortan lebte Ellen von Döhn auf Hartlebens Kosten: dieser hatte ihr eine eigene Wohnung eingerichtet und bezahlte ihren Lebensunterhalt.

Im Jahre 1897 ging es im dichterischen Leben des Otto Erich Hartleben wieder ein bisschen aufwärts. Er gab zwei neue Theaterstücke, “Die sittliche

Forderung” und “Abschied vom Regiment”, heraus. Außerdem arbeitete er mit Rudolf Steiner an einem “Magazin für Literatur”, an dem er sich im Folgenden aber immer weniger beteiligte. Es wurde immer deutlicher, das Hartleben den Enthusiasmus und die Schärfe der früheren Jahre verloren hatte. Somit zog er sich immer weiter aus dem öffentlichen literarischen Leben zurück.

Im Sommer 1897 wartete Hartleben dann mit einer weiteren Überraschung für seine ohnehin leidgeprüfte Ehefrau auf. Eine Münchner Liebschaft war nicht ohne Folgen geblieben und plötzlich war Otto Erich Hartleben auch Vater eines unehelichen Kindes, das er dann adoptierte. Es handelte sich um ein Mädchen, das auf den Namen Ilse getauft war. Hartleben nannte es jedoch bevorzugt “Ilsulein”.

In den folgenden Jahren begann ein “Tauziehen” um das Kind. Selma wollte durch “Ilsulein” den Dichter mehr an das häusliche Leben binden, wovon sich Hartleben aber wieder nicht beeinflussen ließ. Er lebte weiter sein Leben und reiste durch Europa. Seiner Ehefrau blieb die Erziehung überlassen. Für das Kind war diese Zeit wohl äußerst unangenehm, da keiner es richtig haben wollte und es mal in Berlin mal in München bei der Mutter weilte. 1901 kehrte Ilse dann endgültig zu ihrer Mutter in München zurück, die man bisher mit Geld bedacht hatte.

Das Jahr 98 verbrachte Hartleben in dem für ihn inzwischen Alltag gewordenen Trott. Hartleben lebte vor sich hin und erfreute sich hin und wieder an den Streitereien um Ellen und sonstige Angelegenheiten. Doch in diesem Jahr erkannte Selma endgültig, dass der Kampf um “ihren Erich” wenig Sinn hatte und gab auf.

Otto Erich Hartleben war in diesen Jahren nicht mehr derselbe Mensch. Vielleicht wurde das durch den überschwenglichen Alkoholgenuss verursacht. Hartleben fühlte sich für nichts mehr verantwortlich und man könnte nun gut annehmen, dass der Dichter in Schmach und Unglück dem Tod “entgegensieche”, ohne jemals in seinem Leben den gewünschten Erfolg erzielt und die verdiente Anerkennung gewonnen zu haben. Aber Otto Erich Hartleben wäre nicht dieser Otto Erich Hartleben, wenn sein Leben in diesem scheinbar aussichtslosen Moment nicht noch eine drastische Wende genommen hätte.

4. Der Durchbruch: Hartleben wird zum Helden der Nation (1899-1900)

Die wohl entscheidenste Reise in seinem Leben unternahm Hartleben im Frühjahr 1899. Sie führte ihn nach St. Andreasberg im Harz, wo er sich mit seinem Bruder Otto traf. Dieser war ehemaliger Offizier und brachte seinem Bruder, “dem Dichter”, den Stoff für ein Drama über das Militär. Hartleben schrieb in den Monaten Februar und März dieses Jahres den Stoff in eine publikumswürdige Form um und heraus kam “Rosenmontag. Eine Offizierstragödie”. Das ganze Jahr 1899 zogen sich die Bearbeitungen über dieses Werk hin und erst am 18. 5. 1900 konnte Hartleben mit Hilfe Ellens und Selmas das Manuskript an Otto Brahm schicken. Der inzwischen avancierte Brahm witterte nach dem Lesen des Manuskripts bereits die Sensation.

Am 3. 10. 1900 fand in den Theaterhauptstädten Berlin und München gleichzeitig die Premiere statt und “Rosenmontag” trat einen unglaublichen Siegeszug an.

Rosenmontag  eine Offizierstragödie

Hartlebens “Dauerbrenner” unter den Theaterstücken, “Der Rosenmontag”, war ein sogenanntes “Milieustück”. Die Hauptfigur dieses Stückes ist Hans Rudorff, der mit Leib und Seele Soldat ist. Er ist in ein Verhältnis mit einem Mädchen aus gutem Haus verwickelt. Seine Vettern versuchen auf Rat der erfahrenen und dominierenden Großmutter, Hans von seiner Geliebten abzubringen und ihm zu einer Ehe mit der Tochter eines reichen Kaufmanns zu verhelfen. Man macht sich eine Intrige zu Nutze und lädt die Geliebte, Gertrude Reimann, in Abwesenheit von Hans zu einem Festmahl beim Regimentsführer ein. Als das Mädchen am nächsten Morgen noch dort aufgefunden wird, scheint für Hans ihre Untreue erwiesen und Gertrude protestiert nicht, weil man ihn erzählt hat, dass ihr Geliebter schon verlobt sei. Angesichts dieses Unglück erleidet Hans einen Nervenzusammenbruch und nimmt sich Urlaub. Während dieser Erholungsperiode vollzieht der ahnungslose “Betrogene” die Verlobung mit der Kaufmannstochter. Schließlich kehrt Hans ins Militär zurück unter dem Versprechen, dass er seine Affäre nun überwunden habe. Trotz der schon öffentlich bekanntgegebenen Verlobung nimmt Hans dennoch Kontakt mit der ehemaligen Geliebten auf und gilt wegen Bruch des Versprechens als für den weiteren Militärdienst untauglich. So entscheidet sich Hans inmitten der Karnevalslustigkeit des Rosenmontags, mit seiner Geliebten in den Tod zu gehen.

Das Stück zeichnet sich besonders durch die exakte Verwertung des militärischen Hintergrundes aus. Die geschickte Art Hartlebens, zu schreiben, macht das Stück für den Zuschaue außerordentlich interessant. Außerdem ist das Stück, wie der Name “Rosenmontag” ja sagt, mitreißend und von einer musikalischen Note geprägt.

Über Nacht wurde der vorher eher unbekannte Dichter berühmt. Aus einem Mann, der sein Leben lang auf sein “Pumpgenie” hatte vertrauen müssen, wurde mit einem Mal ein Millionär. “Rosenmontag” erzielte in zehn Jahren zwanzig Druckauflagen. Es wurde achtzigmal allein in Berlin aufgeführt und mehr als fünfzigmal in Hannover. Hartleben verdiente Hunderttausende und sein gesamtes, bisher fast unbekanntes Werk, wurde in diesen Sog hineingezogen. Hartleben wurde vom früheren Rebell und Querkopf zum Helden der Nation. Seine Werke wurden Bestseller, die die Leute in einer “Hartleben-Euphorie” kauften. Otto Erich Hartleben wurde mit einem Mal ein Superstar, der die Literatur der Jahrhundertwende dominierte.

5. Hartlebens Krankheit und der Tod eines großen Dichters (1900-1905)

Mit dem Jahr 1900 war für Otto Erich Hartleben der lang ersehnte Durchbruch gekommen, doch in dieser Zeit war Hartleben öfter als je zuvor von Depressionen geplagt. So schreibt er in sein Tagebuch: Mir ist da Lesen jetzt fast unmöglich gemacht, und ich halte mich nur durch sehr viel Scotsch, Whisky und Chianti so weit aufrecht.

Trotzdem wechselten sich die Phase der Depression und Einsamkeit immer noch mit anderen Phasen der wieder erwachten Lebensfreude ab. Doch es hatte sich immer mehr die Melancholie in Hartlebens Geist geschlichen.

Um seinen schlechten Gesundheitszustand zu verbessern ging Hartleben in Kur nach Österreich. Doch diese Besinnung kam zu spät. Wenig später brach Hartleben nach einer Aufführung des “Rosenmontag” in München zusammen und fiel ins Koma. Er wurde in ein Krankenhaus eingeliefert und mit Mühe gerettet. Von nun an war auch in der Öffentlichkeit Hartlebens schlechter Gesundheitszustand bekannt. Zur Nachbehandlung ging Hartleben schließlich in das Sanatorium “Schloss Marbach”. Von diesem Zeitpunkt an war der kranke Dichter auf die stete Einnahme starker Medikamente angewiesen.

Obwohl Hartleben seinen Zustand genau kannte, wollte er nicht akzeptieren, dass dieser allein durch den Alkohol verursacht worden war: Es (der Zusammenbruch) war eine Manie, wie sie nach Lungenentzündung auch bei ganz alkoholfreien Menschen, wenn sie nur sonst gehörig nervenüberreizt sind, vorkommt. Bei mir freilich besonders schwer, weil der Alkohol hinzu.

Doch lange hielt Hartleben dieses “unwürdige” Leben nicht aus. Er “brach aus Berlin aus” und begann wieder seine Reisen in das geliebte Italien. Dort nahm er seinen Gesundheitszustand trotz mehrfacher Warnungen nicht ernst und begann wieder mit nächtlichen Kneiptouren. Schließlich kaufte Hartleben Ende des Jahres 1901 die Villa Halkyone in Salo am Gardasee. Dort wollte er sich nun zur Ruhe sitzen. Doch der Kauf der Villa verzögerte sich noch bis 1902 und so reiste Hartleben munter durch Italien und trank unbekümmert weiter. Diese Ahnungslosigkeit belegt ein Eintrag in seinem Tagebuch: Mein gelber Hautton hat schon gestern bedeutend nachgelassen und alle Organe sind gesund mit Ausnahme der Leber, welche etwas erweitert ist und deretwegen ich hier nun die specifische Karlsbader Kur gebrauchen werde. Diese dauert 3-4 Wochen und ist unfehlbar eine erfolgreich, sobald nicht besondere Umstände etwa dazwischen kommen.

Einer eher traurige Anekdote über Hartlebens Karlsbader Aufenthalt:

Einst fragte mich Hartleben vertraulich, wo man denn in Karlsbad guten Wein bekomme. Ich antwortete kurz: “Beim Mühlbrunnen.” Einige Abende später speisten wir in einer kleinen, vielbesuchten Weinstube. Ich bestellte einen leichten Rheinwein. “Wenn Sie diesen Wein hier bekommen,” sagte Hartleben, “zahle ich den gesamten Vorrat, den es hier gibt.” Und die Kellnerin war inzwischen zurückgekehrt und sagte entschuldigend: “Bitte, dieser Wein ist uns ausgegangen.”  “Und wer hat allen Vorrat vernichtet?” [...] “Sie Herr v. Hartleben.”, [...]

Q: Tagespost Berlin, Nr. 41 1912

Schließlich war der Kauf der Villa Halkyone perfekt. Hartleben ließ eine kostspielige Renovierung durchführen und einen Zypressenwald im 2000 m² großen Garten anlegen. Doch er konnte sich daran nicht so recht erfreuen. In seinem Tagebuch schrieb Hartleben Ende des Jahres 1902: Ich habe [...] den Aberglauben, dass ich nur noch diesen Winter zu leben habe. Das steckt mir fest im Gehirn. Weshalb auch nicht? Ich habe viel genossen [...]. Mein Testament habe ich gemacht.

Aus diesen Tönen ist deutlich die Resignation zu erkennen, die den großen Dichter in den letzten Jahren seines Lebens vermehrt begleitete. Hartleben wusste schon, dass sich sein Leben dem Ende näherte, er wusste, dass er für seinen exzessiven Lebensstil und seine Zuneigung zum Alkohol mit seinem Leben bezahlen musste.

Trotz dieser resignierenden Züge verlor Hartleben seinen Humor nie. In den letzten Jahren seines Lebens konnte Hartleben noch die Lorbeeren seiner Arbeit miterleben. Mittlerweile war der “Rosenmontag” in ganz Europa ein großer Erfolg und bot gute finanzielle Einnahmen für Hartleben. Doch dieser hatte sich in den letzten Jahren vor allem durch die aufwendige Renovierung seiner Villa wieder verschuldet und schaffte es in den letzten Jahren seines Lebens sein großes Vermögen wieder zu verbrauchen.

Im Jahre 1903 war Hartleben kurzweilig wieder von neuer Euphorie erfüllt. Er überarbeitete seine Brieferzählung “Liebe kleine Mama”. In Zusammenarbeit mit Ottmar Piltz erstellte Hartleben außerdem eine Übersetzung des italienischen Theaterstückes “Lucifero”, die 1904 erschien. Zuletzt vollendete er noch das Büchlein “Der Halkyonier”.

Das Ende des Jahres 1903 beschloss Hartleben schließlich mit der Gründung der “Halkyonischen Akademie” (hierzu später mehr).

Im Sommer 1904 schöpfte der kranke Dichter schließlich neue Kraft. Hartleben war zwar erneut schwer verschuldet, doch er glaubte wieder arbeiten zu können. Schließlich versuchte der Dichter im Herbst 1904 den Erfolg mit “Rosenmontag” zu wiederholen. Auf eine Anregung Conrad Storms, eines Neffen von Theodor Storm, schrieb er schließlich “Im grünen Baum zur Nachtigall” und glaubte erneut ein “Modestück” wie den “Rosenmontag” geschrieben zu haben  es wurde allerdings ein Desaster.

Das Publikum hatte die Erwartungen genauso hoch wie Hartleben gesteckt. Der konnte den Misserfolg kaum noch verkraften und sein Gesundheitszustand verschlechterte sich extrem.

Die kleine Schwester Annemarie holte den todkranken Dichter nach Salo zurück und der vertraute Arzt Hartlebens, Dr. Lehmann kam aus München in die Villa Halkyone.

So verbrachte Hartleben den letzten Winter seines Lebens in der Villa Halkyone und verlebte die letzte Zeit mit Ellen und deren Kindern.

In dieser Zeit kam Hartleben nun der Gedanke, seinen Schädel für die Nachwelt zu erhalten. Er verfügte noch kurz von seinem Tod in seinem Testament, dass man seinen Schädel nach dem Tode gesondert aufbewahren und präparieren solle.

Annemarie Pallat berichtete über das Lebensende des Otto Erich Hartleben so:

Wir hatten gerade noch den Dr. Lehmann freudig als Gast begrüßt [...] Als wir die Flagge zu Begrüßung aufzogen, ärgerte uns, dass sie absolut nicht über den Halbmast aufsteigen wollte. In der Nacht darauf kam ein schwerer Blutsturz und drei Tage danach der Tod.  [...]diesmal war alles vergeblich. Erich wurde von Tag zu Tag schwächer und man konnte ihn keinen Augenblick allein lassen. Er wollte nur mich und den Doktor um sich haben. Ellen war in einem derartig aufgeregten, hysterischen Zustand, dass der Arzt sie nur durch Morphium zur Ruhe und in Bett bringen konnte. Wir wechselten uns dann ab, indem er den Abend bis 2 Uhr nachts bei ihm blieb und ich die frühen Morgenstunden. Erich war ein rührend dankbarer Patient und verlangte nichts weiteres, als dass man still bei ihm saß und seine Hände streichelte. Es war ihm ganz klar, dass es zu Ende ging; als ich ihn am zweiten Tage fragte, ob ich nicht Moppchen telegrafieren sollte, sie möchte kommen, schüttelte er den Kopf, sein “Nein, ich will sie nicht mehr sehen.” klang so bitter, dass ich sie nicht mehr erwähnte. Am Tage vor dem Anfall hatte er einen Brief von ihr bekommen, der ihn so tief verletzt und erregt hatte, dass er ihn sofort in kleine Stücke zerriss [...]

Am 11.Februar 1905 um etwa 12 Uhr starb Otto Erich Hartleben schließlich.

 

6. Epilog

Otto Erich Hartleben war mit Sicherheit einer der größten Dichter seiner Zeit. Sein Leben lang wurde seiner Leistung wohl jedoch nie der Respekt gezollt, den er verdient gehabt hätte. Hartlebens Alkoholismus ließ den Dichter gerade einmal gute 40 Jahre alt werden. So gelang es Hartleben trotz seines Riesenerfolges mit “Rosenmontag” nie, wirklich die Ziele zu erreichen, die er sich gesteckt hatte. Obwohl Hartleben trotz aller Sonderbarkeiten, die er nun einmal hatte, um die Jahrhundertwende in ganz Europa berühmt geworden war, verschwand er nur einige Jahrzehnte später fast komplett aus der Literaturgeschichte. Lediglich hin und wieder tauchten in kleineren Zeitungen Artikel zu verschiedenen Hartleben-Jubiläen auf. In den Fünfziger Jahren sollte Hartleben noch einmal zum Leben erwachen. Es wurde ein gleichnamiger Kinofilm über das Erfolgsstück “Rosenmontag” gedreht. Allerdings ist mir leider nicht bekannt, ob es sich dabei wieder um einen außerordentlichen Erfolg handelte. Heute kennt jedenfalls fast kein Mensch mehr diesen ehemaligen Bestsellerautor.

Eine letzte Anekdote ist aber trotz kleinem Bekanntheitsgrad unsterblich geworden. Ich will sie hier wiedergeben:

Dr. Lehmann hatte seinerzeit von Otto Erich den Auftrag erhalten, dessen Kopf nach dem Tode vom Rumpfe zu trennen. Der Kopf sollte nach Deutschland gebracht, der übrige Leichnam aber in Brescia eingeäschert werden. Nachdem Lehmann seines Amtes gewaltet hatte, wickelte er den abgeschnittenen Kopf in Zeitungspapier und begab sich auf den Heimweg. Als er unterwegs Durst verspürte, kehrte er in einer Schenke ein, um ein Glas Rotwein zu trinken. Das Paket mit dem Kopfe wurde auf einen Tisch gelegt. Zwischen dem Arzt und den anwesenden Gästen entwickelte sich ein Gespräch. Faustschläge der Italiener ließen den Tisch wanken, das dort liegende Paket rollte auf den Fußboden, das Zeitungspapier löste sich und das Gesicht des toten Dichters schaute, wie es dem Arzt schien, die Anwesenden mit einem satirischen Lächeln an.  eine wirklich wahre Geschichte!

Aber auch auf andere Weise konnte Hartleben sein Andenken wahren. Die von ihm gegründete “Halkyonische Akademie für unangewandte Wissenschaften”in Salo existiert heute noch. Ihre Grundsätze seien ebenfalls kurz erwähnt:

 

Grundgesetz

Der Halkyonischen Akademie

Für unangewandte Wissenschaften zu Salo

Gestiftet im Jahre 1903 von Otto Erich Hartleben

 

§1. Die Zugehörigkeit zu Halkyonischen Akademie bringt weder Pflichten noch Rechte mit sich.

§2. Alle Übrige regelt sich im Geiste halkyonischer Gemeinschaft

 

Das Erste sei, dass man der Welt sich freue,

sich vor den Andern froh empfinden lerne

in stiller Nähe wie in bunter Ferne

das Alte frisch genieße wie das Neue.

Doch schaff dir auch ein Herz voll stolzer Treue,

eins in sich selbst und seinem tiefsten Kerne!

Der Freie traut durch Wolken seinem Sterne

Das Brandmal aller Sklaven ist die Reue.

Otto Erich Hartleben

 

Die Altsenatoren, vom Stifter berufen

Alf Bachmann                     Ludwig Habich              Dr. Thassilo von Scheffer

Ambach                            Jugenheim                                  Berlin

 

Die Senatoren des Kuratoriums,

von den Altsenatoren ernannt

 

Dr. Otto Deneke                  HannsHeeren            Alfred Richard Meyer

Göttingen                             Herford                          Lübeck

 

Dr. Alfred von Klement

Regensburg

 

Zu Göttingen, im halkyonischen Vorort,

nach der Überführung u. Aufstellung von Otto Erich Hartlebens Urne auf dem dortigen Friedhof, am 18. November 1948

 

Zum Abschluss dieses Epiloges möchte ich noch einmal einen Ausschnitt aus dem von Paul Remer verfassten Nachruf erwähnen:

In deiner Kunst, Otto Erich, bist du Sieger geblieben, hast du vermocht, dich leicht und frei und heiter zu machen. In deinem Leben sind immer wieder die finsteren freudelosen Stunden gekommen, da du nach wunderbaren Ausflügen zusammenbrachst und als ein Bettler saßerst an staubiger Straße, drauf das Glück mit den tönenden Rädern leuchtend vorbeifuhr. Dein Dasein ist [...] nichts anderes gewesen als eine Wiege, die zwischen Licht und Dunkel hin- und herschaukelte.