VI Der Geist der Zeit

 

Staaten und Epochen sollten nicht nach ihrer Verwaltung beurteilt werden, sondern eher nach der politischen Kultur, das heißt nach dem Grad der persönlichen Freiheit für die Staatsbürger und deren mündigen politisch - sozialem Handeln und Denken. Hier ist es nötig, ein wenig über Epochengrenzen hinauszugreifen, um die Weiterentwicklung der untersuchten Strukturen zu erkennen. Das Bismarck - Reich war durch Verfassung und parlamentarische Einrichtungen als die einzelstaatlichen Regierungen der vorausgehenden ‘Reaktionszeit’. Die Mentalität der Reichsbürger war vor diesem Prozeß der Demokratisierung selten unberührt geblieben. Nicht emanzipierte Staatsbürger begegnen uns bei der Rückschau, sondern häufig Menschen, die in Schule, Beruf und Familie gültigen autoritären Normen fast enthusiastische Beifall zollen. Sich zu fügen fiel ihnen leichter als Protest. Aber gerade zu Zäh hielten sich überkommene Vorteile, die durch Aussagen prominenter Politiker und angesehener Wissenschaftler neue Nahrung bekamen. Bismarcks Satz “Haut doch die Polen, bis sie am Leben verzagen” oder die pseudowissenschaftliche, ungemein populäre Analyse über den physiologischen Schwachsinn des Weibes sind nur zwei Markierungen, die überall praktisch wurden, wo gesellschaftlichen Gruppen bürgerliche Rechte vorenthalten wurden: den Polen und Dänen im Reich das Recht auf eigene Kultur und Sprache, den annektierten Welfen, das recht auf ihr Plattdeutsch und die erst zögerliche Erlaubnis zur Parteibildung, den annektierten Elsässern sogar jegliches Recht auf politisches Mitwirken, den Frauen das Recht auf Bildung und Gleichheit, den kolonialisierten Völkern jegliches Menschenrecht. Lesbische Frauen und homosexuelle Männer wurden strafrechtlich verfolgt. Psychisch Kranke, Zigeuner und Farbige waren nicht nur beliebte Sujets von

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