Otto Erich Hartleben

Private Briefe eines Schriftstellers in der Jugendzeit

Zitat: Dein Brief, den ich soeben erhalten habe, hat mir eine große Freude bereitet, und ich danke dir dafür. Ein literarischer Verkehr, und sollte er sich auch in den bescheidensten Grenzen halten, ist nicht nur lockend und angenehm für diejenigen, welche literarische Interessen haben, sondern er ist auch in jedem Falle anregend und insofern belehrend, als man nur so erfahren kann, wie sich die Welt in anderen Köpfen malt, nur so begreifen, daß auch die Ansichten, welche bei uns zu Überzeugungen geworden sind, doch im Grunde nur relative Gültigkeit und Wahrheit besitzen.

Ich denke nun über diese ganze Sache - und du wirst dir das leicht mit der mir eigenen Sucht zu recensieren zusammenreimen können  anders, als du, wie mir erscheint. Ich denke so: es giebt Dilettanten und Künstler. Die Dilettanten sind die Feinde, die Künstler die Freunde der Kunst. Du verstehst, wie ich das meine: Dilettanten sind die Feinde der Kunst. Sie wollen es nicht sein, sie sind es. Es ist ein erbärmliches Zeichen der Zeit, daß, obgleich, wie du richtig sagst, die Mehrzahl der“ gebildeten” Menschen schriftstellert  die Kunst, vornehmlich das Theater, furchtbar darniederliegt. …(Zitat: aus einem Brief an Arthur Gutheil aus Celle am 22. Januar, Quelle siehe unten)

So und ähnlich lauten viele Briefe des O. E. Hartleben. Obwohl er zu dieser Zeit, ca. 1981 bis 1985, gerade erst 15 Jahre alt war, schrieb er für sein Alter schon sehr komplizierte Briefe. Dabei merkt der Leser, daß er wirklich an der Literatur interessiert ist und es ihm Spaß macht zu schreiben. Er scheint gern etwas längere und kompliziertere Sätze zu schreiben, dabei versucht er wohl alle ihm einfallenden Gedanken mit einzubringen. Obwohl es teilweise schwer ist den roten Faden nicht zu verlieren, schafft er es seine Sätze korrekt und Ende zu bringen. Anscheinend war der Jungschriftsteller von vielen angesehen und anerkannt, denn in einigen Briefen kritisiert und verbessert die Stücke seiner Freunde. So versucht er in einem Brief an A. Gutheil aus Celle am 22. Januar 1882 (siehe Zitat oben), ihn zu überzeugen ein Schriftsteller zu werden, und ihm seine Manuskripte zu schicken. In seinem nächsten Brief antwortet er auf eine sehr interessante -  zu seinem typischen Sarkasmus aber passende - Art. Er beginnt, indem er schreibt, wie sein Freund wohl seiner Meinung nach - entweder auf einen vorherigen oder den aktuellen Brief - reagieren würde: “ Ich höre deine Seele knetern! Schnöde, einen so abzufertigen! Diesmal, wo er nun nicht umhin konnte, ein wenig zu loben, da hilft er sich auf so infame Weise aus der Klemme! Denn  das wird mir jetzt erst klar  etwas anzuerkennen gezwungen zu sein, ist für ihn eine Klemme, aus der sich zu ziehen er keine Mittel scheut. …Er macht immer die großartige Pretention, aufrichtig zu urteilen! Da sieht mans! Aufrichtig ist er nur, wenn er was schlechtes zu sagen hat, wenn er tadeln kann. Wenn er das aber unglücklicher Weise nicht kann, dann  fahr hin Aufrichtigkeit  - dann schreibt er, was er selbst nicht glaubt. ” So geht das weiter und zwischendurch wirft er selbst dann einige Beleidigungen wie z.B.: “ Schlappstiebel!” oder “ Klotzpflock!” das geht dann hin bis zu “Kakerlake!” und “ Mistfinke!” . Am Ende des Briefes fügt er noch hinzu: “ Ich lese eben den Brief, der liegen geblieben war, wieder durch und finde, daß ich dir darin an keiner Stelle gesagt habe, daß du gänzlich falsch denkst, und daß ich völlig recht habe. Ich habe dies hiermit nachgeholt. …werde ich mich mündlich aussprechen: er hat mir besser als alles, was du bis dato geschrieben hast, gefallen … ” (Zitat: Brief vom 11. Dezember an A. Gutheil).

In einem Brief an Alfred Hugenberg vom 29. Januar aus Celle berichtet O. E. Hartleben über ein Redaktionsblättchen: “Einige meiner alten Bekannten und Freunde aus Hannover sind mir mit dem Antrage gekommen, die Redaction eines zu veranstaltenden Journälchens zu übernehmen  das Nähere sollst du noch erfahren -, und ich habe diesen Auftrag angenommen. Ob ich der Aufgabe gewachsen sein werde, das ist eine Frage, die vielleicht ein mitleidiges Lächeln unter den schon eben von mir mit aller Vorsicht berührten Mittelpunkt deines Antlitzes zu zaubern im Stande ist, indessen ich werde mein Möglichstes tun und, da von der Krittlichkeit meines Urteils zum wenigstens überzeugt sein wirst, dürfte wohl die Annahme meinerseits gerechtfertigt erscheinen, daß du in soweit auf mich vertrauen darfst, um überzeugt zu sein, daß etwaige Beiträge deinerseits in einem von mir redigierten Blatte sich ihrer Nachbarschaft nicht werden zu schämen brauchen. Das Inhaltsschema des Blattes ist dies:

      I.Feuilleton: irgend eine Novelle, Roman, Drama, kurz ein größeres Schriftwerk.

      II.Gedichte.

      III.Aufsatz: Kritik, Abhandlung, was es sei …

      IV.“Ansichten und Meinungen des Herrn Meier. ”                                                                                      

Dieser Meier soll so etwas sein, was Schulze und Müller für den Kladderadatsch und Wippchen für die Wespen ist.V.Scherze, Anzeigen, Notizen etc.

Das Blatt führt den Namen “Fledermaus”. 

Im weiteren Verlauf des Briefes schreibt er noch über die möglichen Einnahmen, die durch Abonnenten zustande kommen sollen. Außerdem würde er sich sehr freuen, wenn auch dieser Freund sich an dem Blättchen beteiligen würde. Während seiner Celler Zeit schreibt er A. Hugenberg noch drei weitere Briefe. Einmal schildert er sehr lebhaft das Verhältnis zwischen ihm und seinem Direktor am Ernestinum: O. E. Hartleben bezeichnet sich selbst als “Ketzer im guten alten Stil, vielleicht noch etwas schlimmer: schade, daß es keine Inquisition im guten alten Stile mehr gibt!  Aber vielleicht….”(Zitat aus Brief vom 1. September aus Celle). Der altehrwürdige Direktor war darüber natürlich weniger erfreut und reagierte eher ungehalten. Nach einem mehr oder weniger ironischem Gespräch widerrief Hartleben seine “aller Sittlichkeit Hohn sprechende Ansicht, daß man seinen Nächsten seiner Überzeugung halber nicht anfeinden oder verfolgen und, wenn Not an dem Mann ist, auf eigene Kosten in dem Herrn einäschern dürfe. Ja…ja: quod ferrum non sanat  ”(Zitat siehe oben). In dem nächsten Brief drückt er sein Beileid aus, indem er erklärt, daß er wohl nie ein so frivoler und autoritätsloser Mensch geworden wäre, wären seine Eltern nicht so früh gestorben. Dabei bietet er seinem Freund, dem der Vater verstorben ist, auch ein offenes Ohr an. Er wünscht sich, daß er als das angesehen wird, was er gern wäre, nämlich sein wahrer Freund, trotz seiner Frivolität. Im letzten Brief berichtet er nur über einen Ball und sendet ein älteres Gedicht mit. Er erwähnt noch, daß ihm Celle reizend erscheint und es schade sei, daß das Examen jetzt heranrücke.

An seinen Bruder Otto hat O. E. Hartleben auch viele lange Briefe geschrieben. Anscheinend mochte er ihn sehr gern, denn die meisten Briefe fangen so und ähnlich an: (Zitate von 1880  1885) “Theurer Bruder! / Otto! Kind meiner Liebe! Sonne meines Daseins! ” Jedoch aus dem letzten Brief von Celle läßt sich eine Meinungsverschiedenheit der beiden schließen. Zuerst räumt er ein, daß er ihn möglicherweise verletzt hätte, was ihm Leid täte. Aber sein Bruder scheint auf das Verhältnis zwischen O. E. Hartleben und dem gemeinsamen Großvater eifersüchtig zu sein. Jedenfalls versucht Hartleben ihn zu überzeugen, daß er es auch nicht leicht mit ihm hatte und genauso unter dem Großvater leiden mußte wie alle anderen Geschwister. Er verbietet ihm kalt und verschlossen zu ihm zu sein. Daraus kann man schließen, daß er seinen Großvater sehr liebte. Dieser war ja auch für ihn da, als sein Vater so früh gestorben ist.

Er schrieb noch zwei weitere Briefe an seinen Onkel Robert Wendeborn. Wobei er in dem einen Brief sehr viele Gedichte, eben aus dieser Jugendzeit, mitschickt. Einige davon sind an ein kleines Mädchen gerichtet. Danach entschuldigt er sich höflich, daß er seinen Onkel solange mit diesen vielen Oden “ödete”. An dieser Entschuldigung und manchen anderen Bemerkungen kann man doch ersehen, daß er auch noch ein Junge/Jugendlicher ist. Ansonsten schreibt er Briefe wie ein Erwachsener.

Aus den Briefen kann man vieles über Otto Erich Hartleben, sein Verhalten gegenüber anderen, seinen Charakter und seine Interessen erfahren.  

Quelle:Otto Erich Hartleben

Briefe an Freunde  Herausgegeben und eingeleitet von Franz Ferdinand Heitmueller

1912 S. Fischer, Verlag, Berlin