Abitur

 

I Abiturarbeiten

1.Deutsch

2.Latein

3.Griechisch

II  Abiturzeugnis

1.Zeugnis der Reife

2.Gesuch des Oberprimaners Otto Erich Hartleben Berufszulassung zur Reifeprüfung

 

I 1.  “Es ist leichter, Güter zu erwerben als erworbene zu behaupten.” Demosthenes

In dem politischen Leben der Nationen finden wir hin und wieder Zeitpunkte, wo scheinbar in Gegensatz zu der naturgemäßen und folgerichtigen Entwicklung der Dinge plötzlich ein Volk zu einer ungeahnten Höhe der Macht und der Bedeutung sich emporschwingt.

Da staunen dann Freunde wie Feinde und die Freunde jubeln und die Feinde dürsten nach Revanche.

Das Volk selber aber, was wird das beginnen?

Man sollte meinen, es würde den großen Männern, denen es die plötzlichen großen Erfolge verdankt  es werden immer manche großen Männer sein  es würde diesen in der harten und ernsten Arbeit der Erhaltung des Gewonnenen dankbar folgen und zu ihnen das Zutrauen haben, dass sie am besten die Mittelkanten und zu finden wüssten, um das, was sie ja geschaffen, nun auch zu erhalten.

 Jedoch wir haben Beispiele  und wir brauchen nicht in die Ferne zu schweifen, um sie zu finden  dass das Volk ganz plötzlich groß gewordenen Männern misstraut, sie wegen ihren schnell gewachsenen, hervorragenden Haltung beneidet und vergisst, dass sie nur deshalb so groß geworden sind, weil sie ihr Volk so groß gemacht haben. Dieses brüstet sich dann, bemerkt mit selbstgefälliger Befriedigung seine so glücklich veränderte Machtstellung und verlangt diese aber auch zu genießen  “Es ist so süß, auf Lorbeeren ruhn.”

Einen solchen Volk nun wäre das Wort des Demosthenes zuzurufen und einzuprägen:

“Es ist leichter Güter zu erwerben als erworbene zu behaupten!”

Da ein solcher Zuruf und eine solche Einprägung nach meinem bescheidenen Urteil heutzutage bei uns Deutschen eine zeitgemäße sein würde, so wollen wir uns mit diesem Wort des großen Redners einmal eingehender beschäftigen.

Was zunächst dessen formelle Seite betrifft, so müssen wir es ein Paradoxon nennen, d.h. ein Satz, in welchem eine hinterliegende Wahrheit ausgesprochen wird.

Das Geheimnis der Paradoxa liegt darin, dass sie, indem sie sich von der geraden Heerstraße des direkten Aussprechens der Gedanken entfernen, ein intensives Nachdenken herausfordern und, indem sie zugleich an die gegenteilige oder doch an eine etwas anderes aussagende Behauptung erinnern, so eine größere Ideenreiche in uns wachrufen.

Sie gleichen den Flügeldecken gewisser schöner Käfer, welche uns die eine Farbe sehen lassen und doch auch die Empfindung einer anderen  zugleich in unserem Auge hervorrufen  doch ich entferne mich vom Thema: Ich wollte nachweisen, dass unser Satz ein Paradoxon ist.

Welches ist die Ungereimtheit, die dasselbe enthält?  Nein, widerspricht nicht die tägliche Erfahrung dieser Betrachtung, dass das Erworbene   wohlverstanden das wirklich voll und ganz Erworbene  schwerer zu erhalten sei als es zu erwerben war? Was ich mehrfach erworben [habe], nicht was ich ererbt [habe] von meinen Vätern, (“Erwirb es, um es zu besitzten!”) oder was ich sonst geschenkt bekommen [habe], sondern was ich mit meiner Mühe und meinem Schweiß erworben habe, das werde ich nun leicht, viel leichter zu behaupten wissen. Denn ich weiß nun, auf welche Weise, durch welche Mittel es erworben wird, und ich gedenke der Wahrheit, das alle Errungenschaften mit denselben Mitteln behauptet werden, mit welchen sie errungen worden.

Das ist unwidersprechlich und das Wort des Demosthenes soll uns nicht verleiten, daran zu zweifeln.

Die Ungereimtheit  dieses Charakteristikum des Paradoxon  hätten wir also; nun fragt es sich: Wo liegt der Sinn, die Wahrheit?

Indem wir nun von der formellen Seite absehen, wenden wir uns den eigentlichen Inhalten unseres Satzes zu.  Ich habe, indem ich den Widerspruch in der Behauptung nachwies, die Begriffe derselben genau bestimmt, besonders habe ich betont, dass das “Erwerben” in seiner vollen Bedeutung genommen werden muss.

Denn das für die Erleichterung des Erhaltens richtige Resultat des Erwerbens ist die genaue Kenntnis der Mittel und Wege des Erwerbens, die dann auch die Mittel und Wege des Erhaltens werden müssen. Diese Kenntnis erwirbt sich nur derjenige, welcher in jenem  oben genannten vollen Sinne des Wortes erworben hat.

Hier müssen wir anknüpfen, um zu dem Sinn unseres Themas, zu der “Warnung” des Demosthenes zu gelangen.

Demosthenes richtet die Worte: “Es ist leichter, Güter zu erwerben als erworbene zu behaupten”, richtet die Worte nicht an den einzelnen, sondern an ein Volk!

Und wie steht es da nun mit dem Erwerben der Güter?

Ist es da das Volk, welches  wieder im vollen Sinne des Wortes  erwirbt?

Ist es das Volk, welches durch dieses Erwerben seiner richtigen Kenntnis der Mittel und Wege des Demosthenes gewinnt?  Nein, es ist nicht das Volk, sondern es ist eine mehr oder weniger große Anzahl von Führern, welche sich zumal ein richtiges Resultat des Erwerbens geistig aneignet.

Dies ist der Hauptpunkt! Ein Volk, es mag noch so gebildet, noch so sehr der Zucht eines alles selbst besorgenden Despotismus unterworfen sein, es wird doch immer zumal, wenn es sich um das Erreichen hoher Ziele handelt, der “großen Männer” bedürfen, und das würden immer nur einige sein, ja oft genug ist es nur ein einziger gewesen! Und diese einzigen oder dieser einzige wird dann  denn gerade dadurch ist er den anderen voraus  der wird es sein, der die Mittel entdeckt, deren sein Volk sich bedienen muss, um die erstrebten Güter zu erlangen.

Es wird also nach der Erreichung des Zieles, nach der Erlangung der Güter, in hervorragender Weise im Stande sein, auch das Werk der Erhaltung zu übernehmen. Und wäre er nun absoluter Herrscher seines Volkes und wäre er unsterblich, so würde dieses Werk der Erhaltung ihm (und somit seinem Volke) in demselben Verhältnisse leichter werden als das Werk der Erwerbung, wie es dem einzelnen leichter würde. Nun ist er aber in Wahrheit gottlob selten absoluter Herrscher und niemals unsterblich. Daraus entstehen nun die Schwierigkeiten der Erhaltung des Erworbenen für das Volk. Und diese Schwierigkeiten werden, eigentümlich genug, wachsen und zunehmen, und je weiser und gebildeter das Volk im Großen und Ganzen wird. Denn mit der Ausbildung der Individuen wachsen zugleich die Ansprüche derselben auf selbstständiges Urteil, auf die Rechte der Individualität überhaupt.

Und da nun doch im Allgemeinen wenigstens die Staatsform eines Volkes der Bildungsstufe desselben entsprechend gestaltet ist, so wird einer Nation und ihren einzelnen Mitgliedern bereits das  Bewusstsein jener Individualitätsrechte vermacht, es muss eine Staatsform annehmen, an welcher eben diesen Rechten Rechnung getragen ist.

Es leuchtet ein, dass, je vollkommener eine Staatsform nach dieser Seite hin ist, sie desto weniger geeignet ist, das zu Erleichterung des Erhaltens irgendwelcher Errungenschaften, die sie großen Führern verdankt, erforderliche bestimmende Übergewicht eben dieser Führer gelten zu lassen. Andererseits würde das Volk, welches eine solche, den Rechten der Individualität Rechnung tragende Staatsform besitzt, gegen sein eigenes Vorbild handeln, wollte es seine großen Männer, welche etwas Neues geschaffen haben, nachdem sie ihre Schuldigkeit getan haben, fallen lassen. Wieder andererseits ist es sehr fraglich, ob der Mittelweg, der eingeschlagen werden kann, das Zusammenarbeiten des selbstständigen Volkes mit den führenden Kräften, denen es dann [...] das Recht des Judikativen überlässt  es ist sehr fraglich, frage ich, ob dieser Mittelweg zum Ziele führt, ob es sich nicht vielmehr mit dem Werke des Staatsmannes verhält, wie mit dem Werke des Dichters, welches jede fremde Hand, und sei es die geschickteste, nur betasten kann.

Man ersieht aus diesen wenigen Erwägungen bereits, welche gewaltigen und absehbaren Schwierigkeiten überall einer Nation aufsteigen, welche große und plötzliche Erfolge zu behaupten trachtet und doch seine Selbstständigkeit und Freiheit  und wär es an den Größten  nicht verlieren will.

 Diese Schwierigkeiten steigern sich aber noch erheblich, sobald das ehere Schicksal diesen Größten, und auch allen die Kleinen und Kleineren und Kleinsten, “hinein zwingt in den Todesrachen”. Was ist sein Erbe? Lebt ein zweiter gleich großer? Und wenn er lebt und wenn er gefunden würd  würd sein Streben und sein Wollen dasselbe sein, wie das seines Vorgängers? Wird er dieselben Bahnen wandeln? Und wenn nicht, wird er nicht trotz seiner Größe  oder vielleicht gerade wegen dieser Größe: denn die verwehrt es ihm, bloß der geschickte Nachahmer eines anderen zu sein  würd es nicht das Vaterland der Gefahr aussetzen, die genommenen Güter wieder einzubüßen?

 

Noch unendlich zahlreicher stürmen jetzt die Sorgen, die Bedenken, die Gefahren auf den verlassenen Staat ein und unendlich viel schwieriger wird die Aufgabe, das “Erworbene zu behaupten”.  Ja: es ist einem Volke leichter Güter zu erwerben!

Aber wenn dieses der Sinn des Demostheneswortes ist, so ist dasselbe nimmer mehr ein Paradoxon, sondern es ist ein ganz direkt ausgesprochener Lehrsatz, der nur, etwa weil er aus dem Zusammenhang gerissen ist, nicht sofort klar ist, weil man die Beziehung suf das Staatsleben so noch nicht erkennt. Dieser Einwurf wäre berechtigt, wenn der betreffende Satz wirklich lediglich in der Beziehung auf das Staatsleben seine Begründung fände  dem ist aber nicht so.

Entsprechend dem schillernden Charakter eines Paradoxons, den ich oben durch ein Bild anschaulich zu machen versucht habe, finden sich nun auch in dem Leben der einzelnen Fälle, wo es offenbar leichter ist, Güter zu erwerben als erworbene zu behaupten. Zwar wird ein Kaufmann, welcher sich durch langen redlichen Fleiß ein Vermögen erworben hat, gewiss nicht über Schwierigkeit des Erhaltens dieses Vermögens zu klagen haben. Dagegen wird ein solcher, welcher in Folge einer Leistung, welche nicht redlichem Fleiß, sondern etwa großer natürlicher Begabung oder auch der Anwendung unredlicher Mittel entspringt, sich Vermögen erwirbt, dieses erfahrungsgemäß leicht verlieren und schwer behaupten wissen. Man sieht auch hier wieder, wie bedeutsam die Mittel des Erwerbens für die Behauptung des Erworbenen sind. Zwar ist ja die Kenntnis der Mittel, durch welche er etwas erworben hat, weder dem Künstler noch dem Schwindler unbekannt, nur sind die Mittel in diesen Fällen lediglich Mittel des Erwerbens, aber nicht des Erhaltens.  Fassen wir zum Schluss das Wort des gewaltigen Redners noch einmal als das, als was wir es am Anfang nahmen: als einen mahnenden Zuruf an ein Volk! Wir leben in einer Morgenzeit deutscher Größe, unser Volk hat einen Aufschwung genommen, hat eine Höhe erreicht, wie sie vor dem nur kühne Dichter zu erträumen wagten! Aber verhehlen wir es uns nicht: “Wenige große Männer haben das erworben.” Und nun stehen wir vor der Aufgabe, das zu erhalten, was jene erworben. Unser Volk ist gereift zu dem Rechte der Individualität, jene Führer sind Greise.  So seien wir denn, eingedenk der großen Pflichten unserer Zeit, unendlichen Ernstes.

                                                                                                                        Otto Erich Hartleben

Celle, den 19. Februar 1885

[Bemerkung des Lehrers Ebeling] ... Zensur: genügend

I 2. De Socratis ingenio, doctrina, morte traditur.

Hartleben schreibt in seinem Aufsatz in lateinischer Sprache über den Geist, die Lehre und den Tod des berühmten Philosophen Sokrates aus Athen, der Stadt der Philosophie der Griechen.

“Zuerst wollen wir sehen, wie gut, wie gebildet, wie scharfsinnig und wie groß sein Geist gewesen ist. Dass all dieses durch Zeugnisse bestens bewiesen wird, ist offensichtlich. Und nun zuallererst: Wie groß war Sokrates‘ Tapferkeit, seine Freundestreue, der seinen besten Freund Alkibiades verteidigt und unterstützt hat, als er gesehen hatte, wie dieser in der Schlacht von Feinden umringt war! Aber Tapferkeit und Freundestreue gibt es auch bei vielen anderen, und wir würden Sokrates nicht geradezu den berühmtesten Mann der Griechen nennen, wenn er nicht durch andere, und zwar sehr bedeutende Tugenden seine Mitbürger überragt hätte. Müssen wir nicht seine bekannte überragende Standhaftigkeit des Geistes und des Charakters bewundern, die er zeigte, indem er seinen Mitbürgern Widerstand leistete, als sie gesetzwidrig die zehn Feldherren hinrichten wollten, und indem er sich den Dreißig Tyrannen widersetzte, die ihn auf ihre Seite ziehen wollten dadurch, dass sie ihn zu einer Beteiligung an den Verbrechen zu veranlassen suchten? Aber Sokrates stellte immer die Gesetze seiner Vaterstadt  das Gerechte und das Gott gefällige  allen anderen Dingen voran, und niemals wich er von dem Lebensweg ab, den er als richtig und gut erkannt hatte.”

Da Sokrates seine Lehre immer auf die Lebensführung bezieht, unterscheidet er sich so am meisten von den übrigen Philosophen seiner Zeit. Er wollte aus seinen Schülern tüchtige Staatsbürger machen.

Sokrates behauptete, selbst nichts zu wissen, und dass diejenigen, die meinten, dass sie etwas wüssten, dies auch nicht wüssten. Deshalb verachtete er ihre Lehren und verspottete sie.

Daher hatte Sokrates viele Gegner in Athen: diejenigen, die von Sophisten erzogen und oft auch verdorben worden waren, und viele, die mit der von Aristophanes als richtig anerkannten Einstellung die Sitten aus den Zeiten der Perserkriege, die alte Religion und die alte Einfältigkeit priesen und behaupteten, dass Sokrates die Jugend verderbe, die Götter verachte, neue Götter verehre und wolle, dass auch die anderen sie verehrten.

“Obgleich wir immer die Athener tadeln und verachten werden, weil sie den weitaus größten Mann wie einen gemeinen Verbrecher hingerichtet haben, wundern wir uns daher dennoch nicht, dass Sokrates‘ Gegner so stark waren, dass sie ihn vor Gericht bringen konnten. Aber als Sokrates sich selbst verteidigte, hätte er leicht seinen Freispruch durchsetzen  können, wenn er nicht dieselbe großartige, bewundernswerte Standhaftigkeit des Geistes und des Charakters gezeigt hätte, die ihm immer eigen war. Er wollte nämlich keinesfalls demütig das von den Richtern erbitten, was er von ihnen verlangen zu können glaubte. Deshalb ist er von den erzürnten Richtern zum Tode verurteilt worden hauptsächlich deswegen, weil er auf die Frage, welche Strafe er für sich beantrage, antwortete, er glaube, keine Strafe zu verdienen, sondern die höchste Ehre, nämlich im Prytaneion zu speisen. Aber wegen eines feierlichen religiösen Akts musste er einen Monat im Gefängnis leben. Und auch in jenen Zeiten vor dem Tode leuchtete aufs herrlichste der Geist dieses Mannes. Er zeigte nicht nur dieselbe Heiterkeit und denselben Gleichmut, wie er sie immer bewiesen hatte, auch im Gefängnis, sondern sogar, als sein Freund und Altersgenosse Kriton ihn dazu bringen wollte, das Gefängnis und die Stadt, die ihm so großes Unrecht angetan habe, zu verlassen, sagte er, es sei nicht erlaubt, das Menschen gegen das Gebot der Gesetze etwas Derartiges täten, er erklärte also, dass er das nicht tun werde.

Er ist dann im Gefängnis durch Gift hingerichtet worden. Sokrates bezeichnete sich selbst als Diener Apollons, der ihm befehle, die Musenkunst auszuüben.

Und wir glauben, dass tatsächlich sich keiner so sehr wie Sokrates in allen seinen Gedanken diesem Gott geweiht hat, von dem die Menschen ja die Künste und Sitten gelernt haben sollen.”

Erich Hartleben

Celle, den 20. Februar 1885

 

I 3. Himen eiV ton Peiraia, eiV tou Polemarcou, kai Lusian te autuJi katelabomen kai allouV tinaV...

Wir gingen nach dem Peiraios in das Haus des Polemarchos und trafen dort den Lysias und einige andere. Es war darin auch der Vater des Polemarchos Kephalos. Der schien mir sehr alt zu sein. Denn es war schon lange her, dass ich ihn gesehen hatte (seine Fassung: Denn vor langer Zeit hatte ich ihn schon gesehen.). Der saß nun bekränzt auf einem Polstersessel: Er hatte nämlich Tauben im Hofe geopfert. Wir setzten uns nun zu ihm, denn es standen da im Kreise einige Stühle. Sowie mich Kephalos sah, begrüßte er mich freundlich und sprach: “Oh, Sokrates, du kommst wahrlich nicht oft zu uns noch dem Peiraios herab, und das solltest du doch! Denn wenn ich noch im Stande wäre mit Lustigkeit in die Stadt zu gehen, so bräuchtest du nicht hierher zu kommen, sondern wir kämen zu dir (würden zu dir kommen). So aber ist es billig, dass du öfters hierher kommst. Denn du musst wissen: In demselben Maße, wie mir die Freuden des Körpers absterben, nimmt die Lust und die Freude am Gespräch bei mir zu. Drum sei nicht widerspenstig (wörtlich: Tue nicht anders), sondern unterhalte dich als Lehrer mit diesen Jünglingen und komm oft hierher zu uns, wie zu Freunden und guten Bekannten.”

“Lieber Kephalos”, entgegnete ich, “ich freue mich ja, wenn ich mich mit Leuten unterhalten kann, die tüchtig alt sind; denn bei ihnen, will mir scheinen, muss man sich, wie bei Leuten, die einen Weg zurückgelegt haben, den wir wirklich auch noch machen müssen, erkundigen, wie der Weg beschaffen ist, ob er holperig oder schwierig, ob er leicht und angenehm zu gehen ist. Und darauf möchte ich mich nun auch gern bei dir erkundigen, wie du die Zeit des Lebens, in der du jetzt stehst, und die bereits, wie die Dichter sagen: Auf der Bahn des Lebens liegt, findest, ob schwer zu leben oder wie sonst du sie darstellst.”

Erich Hartleben

Celle, den 24. Februar 1885

 

Der Schluss ist dem Schüler nicht gelungen, sonst gut, während die Übersetzung in das Griechische, die großen Schwächen des Schülers in Formenlehre und Syntax bekunden, gelangen ihm die Übersetzung aus dem Griechischen vermöge seines Verstandes, seiner freien Phantasie und seiner Gewandtheit in die Muttersprache viel besser.

Ebeling

 

II 1.Königliches Gymnasium zu Celle

Zeugnis der Reife

Otto Erich Hartleben

geboren den 3ten Juni 1864 zu Clausthal [...] war 3 ½ Jahr auf dem Gymnasium und zwar 2 Jahr in Prima.

I.Betragen war äußerlich gesetzmäßig und anständig [...]

II.Kenntnisse und Fertigkeiten

Religionslehre: genügend

Deutsch: gut

Latein: genügend

Griechisch: gut

Französisch: nicht genügend

Hebräisch: -

Englisch: -

Geschichte und Geographie: genügend

Mathematik: nicht genügend

Physik: genügend

Turnen: nicht genügend

Zeichnen: -

Gesang: genügend

 

Die unterzeichnete Prüfungskommission hat ihm demnach, da er jetzt das Gymnasium verlässt, um Philosophie zu studieren, das Zeugnis

der Reife

zuerkannt und entlässt ihn mit labhaften Wünschen für seine weitere Entwicklung.

 

Celle, den 14ten März 1885.

 

Königliche Prüfungskommission.

 

 

II 2. Gesuch des Oberprimaners Otto Erich Hartleben Berufszulassung zur Reifeprüfung.

 

Celle, den 14. Juni 1885

 

Ich bin zu Clausthal am dritten Juni 1864 geboren. Mein Vater war Bergbeamter. Im Jahre 1870 wurde er nach Hannover versetzt. Dort kam ich 1872 auf das Lyceum I. 1876 starb meine Mutter. 1879 mein Vater. Der Großvater mütterlicherseits, der Rektor Angerstein in Hannover, nahm sich unser an. Ich kam nach dem Tod meines Vaters in das Haus meines Onkels, des Gymnasialdirektors Ernst Randohr in Jever, und besuchte dort das Gymnasium. 1881 kam ich nach Celle. Nach zwei Jahren bin ich Primaner, seit einem halben [Jahr] Oberprimaner und bitte nun  gedenke Philosophie zu studieren  eine hochwohllöbliche Prüfungskommission mich zur Reifeprüfung zu entlassen.

Gehorsamst

Erich Hartleben

 

An die hochwohllöbliche Prüfungskommission das Gymnasiums zu Celle