Summarisches Verhör der Inculpantin Catharina Elisabeth Erdmann

Benniehausen im GemeindeHirtenhause den 6ten Januar 1781. Abends um 7 Uhr.

Nachdem ich mich nebst dem Schulzen Lockemann persönlich anhero verfüget, die übrigen anwesenden Personen nebst der Wache entfernet und die Arrestantin sanftmütig zum Bekenntnis der Wahrheit vermahnet, so gab dieselbe in des Schulzen Gegenwart unter öftern Weinen, Schluchzen, und Seufzen, folgendes auf summarisches Befragen vom Munde:

Sie heisse Catharina Elisabeth Erdmann, sey des hiesigen Einwohners und Schuhmachers Lorenz Erdmann eheleibliche Tochter, zu Gelliehausen im hiesigen Gericht geboren, zur Kirche und Schule erzogen, evangelisch lutherischer Religion, und ihrer Meinung nach jetzt zwanzig Jahre alt. Sie habe seit fünf Jahren in Göttingen bei verschiedenen Brodherrn und zuletzt bei dem Becker und Krugwirth Quentin im Grabensteinschen Haus als Magd gedienet. Hier habe sie das Unglück gehabt, im verwichenen Frühjahr, oder wol gar schon im Winter vorher, wie sie so eigentlich nicht mehr wisse, von dem dasigen Fleischhauer Riemschneider, wohnhaft auf der Marsch, zum ersten Male nicht ohne Gewalt und Zwang, und nacher noch öfter, mit ihrer mehreren Einwilligung, zu fleischlichem Beischlaf verleitet zu werden, wovon sie schwanger geworden. Sie sey zu dumm gewesen, um einzusehen, daß sie wirklich schwanger sey, und habe immer geglaubt, daß es nicht wahr seyn solte; daher sie denn gegen ihre Brodherrschaft, welche ihr ihre Umstände zwar vorgehalten und die Schwangerschaft Schuld gegeben, immer standhaft geleugnet hätte.

Als sie nun vor leztverwichenen Feiertagen von ihrem Vater erfahren, wie ihre Mutter so schwerlich krank und bettlägerig wäre, so habe sie mit gutem Willen ihrer Brodherrschaft den Dienst verlassen, ihr guthabendes Lohn aufgenommen und sich in voriger Weihnachts-Woche zu ihren Eltern anhero verfüget, wo sie sich zeither aufgehalten. In leztverwichener Nacht habe sie heftige Leibschmerzen verspüret, allein dabei noch immer den Glauben und die Hoffnung gehabt, daß diese von einer Schwangerschaft nicht herrührten. Weil nun ihr Vater ihr Stöhnen vernommen, habe ihr derselbe erst Knoblauch und Brandwein, danach aber Hauslauch eingegeben, als welches gut gegen das Leibweh seyn solte. Als dies jedoch nichts helfen wollen, habe sie sich von ihrem Vater vor die Thür hinaus in die frische Luft leuchten lassen, der aber drauf wieder zurück in die Stube gegangen wäre. Sie sey nicht lange draussen vor der Thür gewesen, als das Kind von ihr gegangen und auf die Erde gefallen, wobei dasselbe geschrieen habe. Im Niederfallen des Kindes sey auch die Nabelschnur losgerissen und das übrige habe sie noch bei sich im Leibe behalten. Weil sie sich nun vor ihrem Vater, welcher schlimm wäre, gefürchtet, und nicht gewollt hätte, daß der etwas gewahr werden sollte, so habe sie das Kind gleich von der Erde aufgenommen, sey nach der Garte gesprungen und habe es ins Wasser geworfen.

Arrestantin weinete und seufzte hierbei mit dem Hinzufügen, daß es für sie wol besser seyn würde, wenn dieses nicht geschehen wäre, und fuhr darnach fort:

Als sie schon wieder vom Wasser zurück und vor der Hausthür gewesen, sey ihr Vater mit dem Lichte herausgekommen und habe gesagt: Es hätte ja eben ein Kind geschrien! Wo denn solches wäre? Allein sie habe alles gegen ihren Vater abgeleugnet. Nachdem nun derselbe, nebst ihrem Bruder, auf dem Hofe umher geleuchtet und nichts gefunden, hätte er sie in die Stube hineingezogen, ihr mit Drohungen von Schlägen hart zugesetzt, daß sie bekennen sollte, auch sie von ihrer Mutter Bette gestellet. Zu gleicher Zeit habe er ihren Bruder nach der Bademutter und dem Schulzen gesendet. Vor ihrer Mutter habe sie, auf das heftige Drohen des Vaters, die Röcke empor heben müssen, da denn die Mutter ihr gleich Schuld gegeben hätte: daß sie ein Kind gehabt habe. Da habe sie denn nun freilich alles bekennen müssen. Sie wünschte nunmehro, wie wohl leider zu spät, daß sie eher Jemanden etwas gesagt haben mögte. Allein daran sey ihre Dumheit Schuld, weil sie immer geglaubet, daß es nicht wahr seyn solte; sie sich auch vor ihrem Vater, welcher schlim wäre, gescheuet hätte. Sie hätte daher auch kein arg draus gehabt, den Riemschneider noch vor nicht langer Zeit, etwa vor 3 oder 4 Wochen, bei sich schlafen zu lassen. Allein sie hätte so wenig zu ihm, als er etwas von ihr von ihren Umständen gesagt, wie sie denn überhaupt keiner lebendigen Seele was offenbaret hätte, daher sie denn auch von Niemand zu der lezten That verführet wäre. Riemschneider hätte ihr verschiedentlich vorgeschwazt, es solte ihr keinen Schaden thun, wenn sie bei ihm schliefe. Niemals hätte sie von demselben das kleinste Geschenk begehrt, oder empfangen. Bei dem ersten male habe er ihr ein Paar silberne Ohrringe versprochen, aber niemals gegeben. Einst hätte er ihr 6 Mgl. angeboten, die sie aber nicht angenommen hätte. Uebrigens habe sie mit keinem andern, als mit dem Riemschneider zu thun gehabt. Arrestantin beweinte und beseufzte ihr Unglück mit dem hinzufügen:

Es wäre ihr an diesem Morgen alles so plötzlich über den Hals gekommen, und sie könne kaum selbst noch sagen, wie sie zu der That gekommen, ihr Kind so gleich in das Wasser zu werfen, welches ihr nun freilich alles bitterlich leid sey.

Nach verlesener und genehmigter obiger Aussage wurde Arrestantin der Aufsicht der Wache wiederum anvertrauet, dabei dem Schultzen Lockemann aufgetragen, fleißig zu visitiren, alles schädliche Gewehr, so lange sie hier seyn wird, von ihr entfernt zu halten; und ihr die nötige Pflege verabreichen zu lassen, zu welchem Behuf einstweilen 24 Mgl. in des Schultzen Händen gelassen wurden.

ut supra
Schultze Lockemann

In fidem
G. A. Bürger mppria


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