Riemschneider erzählt etwas über sich selbst

Viele Leute schütteln den Kopf, wenn sie sehen, wie ich lebe. Aber warum? Ich bin Fleischhauermeister, habe mein eigenes Geschäft und verdiene ganz anständig. Was ist schon dabei, sich mit den Frauen zu vergnügen? Wofür sind sie denn sonst geschaffen, als uns Männer zu unterhalten! Nach einem anstrengenden Tag ist es ja wohl erlaubt, sich im Wirtshaus von Meister Quentin zu treffen und sich auch ein paar Bierchen zu gönnen. Man merkt, dass sich die Frauen gern mit mir abgeben. Manchmal sind sie ein bisschen zickig und ich muss dann eben ein wenig nachhelfen.

Die Catharina, Quentins neue Magd, hat mir von Anfang an gefallen. So ein richtiges Weib, mit dem man was anfangen kann! So muss das ja auch sein. Deshalb hat es mich zuerst ja auch gewundert, warum sie sich am Anfang so angestellt hat. Ich musste mich verstellen und sie dazu bringen, die Tür zu öffnen. Ich versprach ihr ein Paar silberne Ohrringe und das schien sie zu beeindrucken. Da sieht man es mal wieder, worauf die Frauen aus sind!

Wie konnte Catharina es aber wagen, nach der ersten gemeinsamen Nacht zu mir in mein Geschäft zu kommen? Erwartet sie etwa, dass ich irgendwann den treusorgenden Ehemann spiele? Wenn es die ganze Stadt erfährt, kann ich meinen Laden gleich schließen. Aber mit ihrer ewigen Heulerei erreicht sie bei mir auch nicht mehr.

Der Catharina habe ich zwar erzählt, ein Kind könne bei der ganzen Sache nicht entstehen, aber ich weiß es natürlich besser. Es kann passieren und ich will es nicht allein gewesen sein. Deshalb habī ich den Voigt zu ihr hochgeschickt. Dafür musste ich aber auch Meister Quentin, dem Dienstherrn von Catharina, einiges zahlen. Der wird aber nichts weitererzählen, da sein Haus sonst in Verruf kommen würde und er selbst wohl auch, er versucht doch wohl manchmal auch, bei seinen Mägden im Bett zu landen.

Solange mir keiner beweisen kann, dass ich der Vater eines der Kinder von Quentins Mägden bin, ist für mich die Welt im Lot. Ich bin nunmal ein Mensch, der sich vergnügen und seiner Natur nachgehen will. Und um meinen Willen zu erlangen, muss ich nun schon mal zu etwas härteren Mitteln greifen. Ich denke, Meister Quentin wird es schon verkraften, wenn ich ihm ein wenig drohe.

Auf dem Bild, das aus dem 17. Jahrhundert stammt, ist ein geschlachtetes Schwein zu sehen. Dieses stellte für die damaligen Verhältnisse Reichtum dar. Man könnte sich vorstellen, dass es bei dem Schlachter Daniel Riemschneider so ähnlich ausgesehen hat. (Jacobeit 1988)


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