Henrich, der Gerbergeselle im Hause Degen, erzählt über sich selbst

Ich bin Henrich, Gerbergeselle bei Meister Degen in Göttingen. Mein Leben besteht nur aus Arbeit, Schlaf und Essen, was mir zunehmend von meinem Kollegen Klaas angelastet wird. Er meint, dass ich zu sehr mit den eben genannten Dingen beschäftigt bin und mich um nicht anderes schere, wie zum Beispiel um die Frauen.

Dies hatte sich aber mit der Ankunft Catharinas geändert. Sie war nun ein Jahr lang zweite Magd im Hause Degen, zusammen mit der langen Marie. Ich mag oder vielmehr mochte sie, war jedoch zu feige, um mich ihr zu nähern. Und als ich es dann trotz der Angst tat, setzte ich mit meiner Dummheit und Tollpatschigkeit ihrer Anstellung schon nach kurzer Zeit ein jähes Ende. Dies geschah durch einen unüberlegten, nur meinerseits gewollten Kuss, der sie erschrecken ließ und sie deshalb vor lauter Entsetzen das Geschirr zu Boden schmiss, woraufhin die Meisterin erbost zu schimpfen begann.

Mir fehlte aber in diesem Augenblick der Mut, die Meisterin zu bremsen und die Schuld auf mich zu nehmen, obwohl diese klar bei mir lag. Catharina kündigte ihre Stellung - was hatte die nur für einen Mut! - , weil sie sich durch die Meisterin ungerecht behandelt fühlte. Weg war sie - für mich war jede Chance bei ihr damit vertan.

Nach so was ging ich früher zu meinem Freund, der aber schon vor zwei Jahren starb, was mich, zu allem Überfluss, noch mehr zu Rückzug und Einsamkeit brachte. Ich möcht' ja gern eine Frau, jedoch ist das für mich nicht einfach. Meine Schüchternheit steht mir im Weg. Ich tue mich zu schwer mit allem und mit mir.


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