Das Haus des Meisters Degen

Catharina erzählt:

Hier ist alles so groß. So ein prächtiges Haus habe ich noch nie von innen gesehen. Am Anfang hatte ich das Gefühl, hier nicht einmal atmen zu dürfen, ich fühlte mich völlig fehl am Platz.

Allein schon die Diele ist so groß wie ein Tanzboden. Und im Schlafzimmer von der Meisterin und dem Meister steht ein großes Bett und eine Waschkommode mit einem Spiegel und ein Schrank und zwei Nachttische. Und aus dem Fenster sieht man die Marienkirche, das Tor zur Neustadt und die Brücke, über die Vater und ich gekommen sind. Eine richtige Küche ist hier auch, mit zwei großen Fenstern und einem großen Tisch und einem Schrank, in dem das edle Geschirr mit dem Goldrand steht. Und wenn man über den Hinterhof geht, kommt man zur Gesellenkammer, da wohnen Henrich und Klaas, die beiden Gerbereigesellen. Die beiden haben da ihre eigenen Betten und einen Schrank. Das Zimmer ist etwas größer als die Kammer, in der ich schlafe, und man kann in jeder Ecke aufrecht stehen.

Und wenn man in meine und Maries Kammer will, muss man erst eine schmale Treppe hochsteigen und dann die vordere Kammer des Dachbodens durchqueren, in der zwei Truhen stehen und die Wäscheleinen hängen. Mich überkommt immer ein unangenehmes Gefühl, wenn ich in diesem Raum bin. Die Luft ist stickig und es fliegen Insekten darin herum. Wenn man dann weitergeht, kommt neben dem Schornstein eine kleine Tür zum Vorschein. Durch die muss man gehen, wenn man in die kleine Kammer kommen will, in der die Marie und ich wohnen. Darin stehen, mittlerweile, zwei Betten. Am Anfang musste ich mit Marie in einem Bett schlafen, ich war es zwar gewöhnt, mit anderen eine Schlafstelle zu teilen, aber mit einer mir vollkommen fremden Person?! Wohl habe ich mich dabei wirklich nicht gefühlt!

Sonst steht hier nur noch eine kleine Kommode drin, früher auch noch ein Stuhl, den mussten wir aber raus stellen, sonst hätte das Bett, das in der Gesellenkammer überflüssig war, nicht mehr reingepasst. Ich kann knapp drei Schritte geradeaus gehen, dann stoße ich gegen die schiefe Decke.

Besser als zu Hause ist es hier auf jeden Fall, aber so recht kann ich mich nicht an die Stadt gewöhnen, mir fehlt die Freiheit, einfach loslaufen zu können und keine Grenzen zu sehen wie auf dem Land.

Darstellung einer Gerberei von 1809 (Jacobeit 1988)


Zum Inhaltsverzeichnis

Zurück: Benniehausen - Catharina erzählt über ihr Zuhause

Weiter: Charakterisierung der langen Marie