Catharina Erdmann erzählt dem heutigen Leser über ihr Leben

In dem Roman "Vermutungen über ein argloses Leben" von Herbert Günther geht es um mich, Catharina Elisabeth Erdmann.

Mein Leben nahm vor etwa 200 Jahren seinen Anfang in Gelliehausen. Dort wurde ich als erste Tochter des Schusters Johann Lorenz Erdmann am 16. 1. 1758 geboren. Dort wohnten wir bis zu unserem Umzug nach Benniehausen. Meine Mutter war gegen diesen Umzug gewesen, und ihre Befürchtungen und Ängste wurden durch den Tod meines Bruders Heinrich Christian bestätigt.

Hier sehen wir einen Flickschuster bei der Arbeit. Er übt den gleichen Beruf aus wie der Vater von Catharina Erdmann. (Jacobeit 1988)

Doch was sollte sie schon machen - obwohl ihr Mann ein Säufer war und sie sogar mit einer anderen betrog, konnte sie sich nicht von ihm trennen. Sie wollte ihre Kinder nicht im Stich lassen, außerdem widerstrebte es ihr, die vor dem Altar geschlossene Ehe zu zerstören.

Ich habe nicht mehr viele Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend. Es waren keine besonders glücklichen Jahre.

An ein Erlebnis kann ich mich aber noch erinnern, als wäre es gestern gewesen: meine erste Begegnung mit Jacob Mölders, einem Müllersburschen, der aus Lübeck stammte. Wir begegneten uns zufällig am Bischhäuser Bach, und ich verliebte mich in ihn. Heute noch denke ich, dass mein ganzes Leben anders verlaufen wäre, hätte Jacob damals auf mich gewartet.

Wenn ich sage, dass sich durch ihn für mich alles zum Guten hätte wenden können, dann meine ich damit, dass mein Lebenslauf eigentlich schon vorbestimmt schien. Ich würde in Göttingen, der nächstgelegenen Stadt, als Magd in Stellung gehen und Zeit meines Lebens für andere Leute arbeiten.

Der Vater hatte schon alles für mich in die Wege geleitet. Meine Meistersleute waren jung verheiratet, als ich in ihren Haushalt kam, deshalb war die Frau noch unsicher, was ihre Aufgaben als Meisterin betraf. Als Gerber verdiente Meister Degen recht gut, und so entschloss er sich dazu, eine zweite Magd einzustellen. Außerdem hatte Vater Schulden bei ihm und die sollte ich durch meine Arbeit sozusagen "abzahlen".

Obwohl ich zunächst froh war, mein trauriges, ärmliches Zuhause verlassen zu können, wusste ich sehr bald, dass ich bei Degens nicht glücklich werden würde. Ich fühlte mich so einsam wie nie zuvor. Die große Stadt mit ihrer feinen Gesellschaft, den vielen Studenten einerseits und der großen Armut andererseits machte mir Angst. Und ich vermisste Jacob mehr als alles andere.

Auch die lange Marie, bis jetzt einzige Magd im degenschen Haushalt, machte mir das Leben zunächst nicht einfacher, da sie mich vorerst als Konkurrenz betrachtete. Außerdem war da noch Klaas, einer der beiden Gesellen des Meisters. Er machte sich oft einen Scherz daraus, mich zu ärgern.

Trotzdem muss ich im Nachhinein sagen, dass es mir dort hätte gut ergehen können - wäre nicht Henrich gewesen, der ebenfalls als Gerbergeselle im Haus lebte. Der sonst eher stille und zurückhaltende junge Mann zog mich eines Morgens unvermittelt in seine Arme und küsste mich. Vor lauter Schreck und bei dem Versuch, mich aus seiner Umarmung zu befreien, fielen mir die Teller mit dem Goldrand herunter. Daraufhin kam die Meisterin, ganz und gar wutentbrannt, schlug und beschimpfte mich. Das konnte und wollte ich mir nicht gefallen lassen, und mit den Tellern lag auch mein Arbeitsverhältnis bei Degens in Scherben.

Ich fand nach einigem Hin und Her eine neue Anstellung bei einem Brauverwalter.

Mein eigentliches Unglück nahm allerdings erst im September 1779 seinen Anfang, als ich in der Schenke von Meister und Meisterin Quentin zu arbeiten begann.

Unwissend, was eigentlich mit mir geschah, wurde ich dort in der Mägdekammer kurz nach Sylvester vergewaltigt. Der Täter war der Fleischhauermeister Riemschneider, ein Trinker, der sich die Frauen zu nehmen pflegte, die er haben wollte.

Insgeheim hoffte ich vielleicht, er würde mich eines Tages zu seiner Frau machen, jedenfalls setzte sich unsere "Beziehung" fort. Über mögliche Folgen dachte ich nicht nach, ich war ja auch gänzlich unaufgeklärt und Riemschneider sagte, "davon" könne man kein Kind bekommen - voller Angst glaubte ich ihm und verdrängte alle Anzeichen, die auf eine Schwangerschaft deuteten. Der Vater würde mich totschlagen, meine Stellung würde ich verlieren und mich irgendwann in der Gosse wiederfinden, wie die vielen armen Frauen, die sich im sogenannten "Klein-Paris" verkauften. Doch wenn ich mich richtig erinnere, habe ich so weit nie gedacht. Es konnte nicht sein, was nicht sein durfte, ich war nicht schwanger, so sagte ich es mir immer wieder. Vielleicht war ich etwas rundlich geworden durch das gute Essen, so erklärte ich mir meinen zu engen Rock.

Als meine Mutter gegen Ende des Jahres 1780 schwer krank wurde, ging ich zurück nach Benniehausen. Frau Quentin schien erleichtert, sie war wegen des Geredes froh, mich loszuwerden.

Am 6.1.1781 brachte ich meine Tochter zur Welt. Ohne genau zu verstehen, was eigentlich passiert war, nahm ich das Neugeborene und warf es in die vorbeifließende Garte. Natürlich ließ es sich nicht verbergen, dass ich ein Kind geboren hatte. Ich wurde verhaftet und des Kindsmordes angeklagt. Mein Richter, Gottfried August Bürger, hatte Mitgefühl mit mir. Er war der einzige, der mich nicht verachtete. Die ganze Zeit über war ich wie in einem bösen Traum. Jacob würde kommen und mich aufwecken. Ich bin nie aufgewacht. Den Rest meines Lebens verbrachte ich im Zuchthaus. Verloren waren alle meine Träume und Wünsche, verloren Jacob für immer.

Später hörte ich vom Accouchierhaus in Göttingen. Das entstand aber erst, als es schon zu spät war für mich.


Zum Inhaltsverzeichnis

Zurück: "Verhör einer Kindsmörderin" - Gerichtsprotokoll

Benniehausen - Catharina erzählt über ihr Zuhause