Armut in Göttingen im 18. Jahrhundert

Im 18. Jh. machten die Armen und Bettler etwa 28% der Bevölkerung Göttingens aus.

Wenn man die Nichtsteuerzahler (Armengeldempfänger, Erwerbslose, Invalide, Tagelöhner, Witwen, Greise) berücksichtigt, sogar fast 50%. Viele davon wohnten im sog. "Klein-Paris".

Die Situation der Bettler verschlechterte sich im Verlaufe der Zeit:

Während sie im 15./16. Jh. zunächst gespeist und dann weggeschickt wurden, scherte man sie später kahl, peitschte sie aus, noch später kamen sie in das Zuchthaus.

Durch Universitätsgründung und Zuzug von meist "reichen" Studenten wurden noch mehr Bettler von Göttingen angezogen, so dass sie als eine schlimme Belästigung für die Bürger galten. Deshalb wurden Verordnungen von der Regierung in Hannover veranlasst, durch die die Armut in Göttingen beseitigt werden sollte. Sie griffen aber nie richtig.

1. Verordnung gegen landesfremde Bettler, die sofort wieder ausgewiesen werden sollten; Bettler mit Wohnsitz in Landkreis Göttingen bekamen eine Art Lizenz für das Betteln. Später wurden landesfremde Bettler zur Zwangsarbeit eingesetzt, die Männer zur Fäkalienabfuhr, die Frauen in der Textilverarbeitung, was aber schnell auf Schwierigkeiten stieß, da diese städtische Produktion nicht zur Konkurrenz gegenüber den Textilfabrikanten werden durfte. Betteljuden waren quasi vogelfrei, jeder durfte sie festnehmen, ihnen drohten harte Strafen und Folter. Wegen mangelnder Durchsetzungskraft sind diese Gesetze immer wieder verschärft worden.

2. Armenordnung "Signum pauperum" für die landeseigenen Bettler. War es früher die Kirche, die sich um die Armen zu kümmern hatte, wurde 1702 die Gemeinde gesetzlich zur Armenfürsorge verpflichtet. Die Bettler wurden nach Untersuchungen in verschiedenen Klassen eingeteilt und bekamen wöchentlich "Marienpfennige" in unterschiedlicher Höhe. Der Armenregistrator vereinte die Spenden und Sammlungen und verteilte die Gelder, der Armen-Voigt kontrollierte die Bettler und nahm sie auf den Gassen fest, wenn er sie beim Betteln erwischte, denn das war nun inzwischen auch in der Öffentlichkeit untersagt, wie es der Bevölkerung verboten war, Almosen zu verteilen. Man wollte das Erscheinungsbild Göttingens durch diese Maßnahmen verbessern, um Professoren und Studenten nach Göttingen zu holen.

Die Einrichtung eines Werkhauses, in dem arbeitsfähige Arme einer Tätigkeit nachgehen und sich ihren Lebensunterhalt verdienen konnten, wurde durch Stiftungen verschiedenster Art möglich. Spinnen, Weben, Flechten von Schuhen, Brennholz herstellen und Steine behauen waren sinnvolle Aufgaben - nur das Armenproblem beseitigte es nicht wirklich, da hauptsächlich Freiwillige dort arbeiteten, Arbeitsscheue tauchten schnell unter. Die Einrichtung einer Industrieschule durch den Pastor Wagemann sollte Kinder von Mittellosen zur Arbeit erziehen, damit sie später nicht der Armenfürsorge zur Last fielen. Eine Lehrschule war angeschlossen, in der die Kinder in Lesen, Schreiben, Rechnen und christlicher Lehre unterwiesen wurden. 1790 wurden hier schon 200 Kinder unterrichtet. Wagemann baute auch das erste Armenkrankenhaus auf.

Außerdem wurde eine Fürsorge für Kinder, die von ihren Eltern nicht unterhalten werden konnten, eingerichtet: Die Eltern bekamen für ihre Kinder eine Unterstützung aus der Armenkasse, ebenso sorgten die Administratoren dafür, dass Waisenkinder von Pflegefamilien aufgenommen wurden und für ihren Unterhalt ein "Kopfgeld" bekamen.

Eine Meldepflicht wurde angeordnet für in Pflege genommene Kinder und für unehelich schwangere Frauen, damit für die Versorgung aller Kinder gewährleistet war. So hatte durch Pastor Wagemann gegen Ende des Jh. das Göttinger Armenwesen einen Stand erreicht, der vorbildlich war und Anerkennung fand.

(nach: Brinkmann 1987)


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