Das Accouchierhaus in Göttingen
- Die erste Frauenklinik Deutschlands

Das Accouchierhaus in Göttingen

Im späten 18. Jahrhundert wurde in der Universitätsstadt Göttingen das sogenannte "Accouchierhaus" (frz.: accoucher - entbinden) erbaut.

Schwangeren Frauen war hier die Möglichkeit gegeben, unter fachlicher Aufsicht und hygienisch einwandfreien Bedingungen zu entbinden. Vor allem für die ledigen unter ihnen war dies zu jener Zeit keine Selbstverständlichkeit.

Jede Schwangere wurde im Accouchierhaus ab etwa sechs Wochen vor der Niederkunft aufgenommen und unter ärztliche Aufsicht gestellt. Sie verrichteten leichtere Arbeiten als Gegenleistung für die komfortable Unterbringung und Verpflegung, beispielsweise am Spinnrad um den hohen Bedarf an Leinen der Anstalt zu decken. Zwei Wochen nach der Geburt verließen die Frauen das Haus wieder mit ihren Neugeborenen, meist gesund und vor allem: frei von Sünde. Ein uneheliches Kind zu bekommen war zu dieser Zeit mit vielen gesellschaftlichen Strafen verbunden. Mägde verloren ihre Anstellung, die werdenden Mütter mussten sich ihren Lebensunterhalt oft durch Betteln verdienen. Auch die Kirche meldete sich zu Wort: Die Sünderin musste eine Kirchbuße leisten. Vor der ganzen Gemeinde hatte sie sich zu ihren Sünden zu bekennen, außerdem war eine hohe Geldstrafe zu entrichten.
Im Accouchierhaus wurde den ledigen Frauen diese Peinlichkeit erspart. Sie hatten die Möglichkeit, ihre Kirchbuße in aller Stille zu verrichten, die Geldstrafe entfiel ganz. Gerade dies war für viele Frauen einer der Hauptgründe, das Accouchierhaus aufzusuchen.

Das Accouchierhaus in Göttingen

Warum hat nun unsere Catharina Erdmann zu Zeiten ihrer Schwangerschaft das Accouchierhaus nicht aufgesucht, warum hat niemand ihr den Rat gegeben, dieses zu tun?

Der Grund scheint banal: Das Gebäude wurde erst 1791 fertiggestellt und in Betrieb genommen.
Aber selbst wenn es diese Institution schon zwanzig Jahre früher gegeben hätte, wäre Catharina tatsächlich dort hingegangen? Es scheint viele Vorteile geboten zu haben, sein Kind dort zu gebären und doch: Viele Frauen entschieden sich bewusst gegen diese Möglichkeit. Die Entbindungsanstalt hatte einen schlechten Ruf.
Zitieren wir doch einmal den Direktor der ersten drei Jahrzehnte, Professor Friedrich Benjamin Osiander: "Es ist sehr unrichtig geurteilt, wenn man glaubt, dies Haus sei der Schwangeren wegen da. Mitnichten! Die Schwangeren ... sind der Lehranstalt halber da."

Als geburtshilfliche Universitätsklinik diente das Accouchierhaus in erster Linie einem Zweck: Die Medizinische Fakultät der Universität hatte ein zunehmendes Interesse für Gynäkologie, und im Zuge dessen fehlte es an Forschungsobjekten. Da sich Frauen aus den oberen Schichten kaum bereit erklärten, ihr Kind vor einer Schar werdender Ärzte zur Welt zu bringen, suchte man nach einer anderen Möglichkeit. Man fand eine in Form lediger Frauen oder Witwen, die schwanger und auf Hilfe angewiesen waren.

Gegenleistung für ihre Unterbringung und Pflege war also die Einwilligung, bei der Geburt Studenten zusehen zu lassen, sich vor ihren Augen untersuchen zu lassen und bei der Weiterentwicklung von Instrumenten wie der von Osiander weiterentwickelten Geburtszange zu helfen, die er bei komplizierten Geburten einsetzte.

Osianders erklärtes Ziel war die Perfektionierung der Geburtshilfe. Er führte über jede Geburt im Hospital genau Buch. Kam es zum Todesfall, so wurden die Frauen ordnungsgemäß bestattet. Nicht unbedingt die Neugeborenen: Außergewöhnlich auffällige Leichname wurden untersucht und zur weiteren Begutachtung in Weingeist eingelegt. Sie eigneten sich ebenfalls gut als natürliche Puppen zur Übung am "Phantom", einem von Osiander entwickelten künstlichen Becken, an dem er seinen Studenten den Geburtsvorgang verdeutlichte und sie praktizieren ließ. Osianders weitreichende Sammlung war unter Kollegen und Nachfolgern als das ‚Osiandersche Cabinet' bekannt.

Nach:(Schlumbohm 1988)

Bilder:(Brinkmann 1996)


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