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Hardekopfs Werk


Ferdinand Hardekopf war ein Dichter, Kritiker und Übersetzer.



Ferdinand Hardekopf, der Dichter:

Ferdinand Hardekopf veröffentlichte drei Bücher. Sie heißen:

Der Abend. Ein Dialog. (1913)
Lesestücke (1916)
Privatgedichte (1921)


Das Gedicht "Spät" erschien in dem Buch "Lesestücke":
 

Spät

Der Mittag ist so karg erhellt.
Ein dunkler See sinkt in sein Grab.
Dies ist das letzte Licht der Welt,
Das bleichste Glimmen, das es gab.

Aus Sümpfen schwankt Gestrüpp und Baum.
Die Birken-Nerven ästeln weh.
Die Zeit erblaßt, es krankt der Raum.
Es gilbt das Schilf im toten See.

Die Luft strömt grau ins Mündungs-All.
Der Rabe schreit. Der Wald schläft ein.
Mich trennt ein rascher Tränenfall
Vom Ende und der Flammenpein.

Handschrift des Gedichtes Spät

Hier sieht man das Gedicht "Spät" in Hardekopfs Handschrift. 


 

Das Gedicht "Splendeurs et misères des courtisans" erschien in dem Buch "Privatgedichte":
 

Splendeurs et misères des courtisans

Aus der steilen, transparenten Nudel
Quillt ein Quantum Quitten-Quark empor,
Ballt sich, physisch, zum gewürzten Strudel,
Kreist: ein Duftballon aus einem Rohr.

Wann [und wo?] war Schweben delikater?
In der Spannung wird man blaß, wie Chrom.
Lehr- und Schüler folgen dem Theater.
Doch der Stern genießt sich autonom.

Hohe Hirnkraft wallt zu diesem Gase.
Da bestülpt der sachlichste Adept
Das Gestirn mit einem Stengelglase,
Darin dottrig etwas Ei verebbt.

 
Alle drei Bücher wurden 1963 in dem Buch "Ferdinand Hardekopf: Gesammelte Dichtungen" veröffentlicht. Aus diesem Buch haben wir die beiden Gedichte abgeschrieben (mit freundlicher Genehmigung des Arche Verlags Zürich-Hamburg, ©1963 Arche Verlag AG, Zürich). Auch das Gedicht "Spät" in Hardekopfs Handschrift ist aus dem Buch.
 
 

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Ferdinand Hardekopf, der Kritiker:

Als Ferdinand Hardekopf in Berlin lebte, besuchte er häufig Theateraufführungen und schrieb anschließend darüber in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften. Theater- und Varietékritiken schrieb er für die Zeitschrift "Die Schaubühne". "Die Schaubühne" erschien von 1905 bis 1918 und informierte die Berliner wöchentlich über Theater und Kultur. In der Zeitschrift "Die Aktion" (1911-1932), die es auch wöchentlich gab, schrieb er in vielen Ausgaben. "Die Aktion" war eine Zeitschrift für Politik, Kunst und Kultur. Er veröffentlichte auch Erzählungen und Gedichte.
 
 
Die Schaubühne
"Die Schaubühne" erschien von 1905-1918. Ferdinand Hardekopf schrieb von 1906 bis 1912 insgesamt 49-mal in dieser Zeitschrift.

Ferdinand Hardekopf schrieb auch oft unter anderen Namen, z. B. Stefan Wronski, Hardy (so nannten ihn seine Freunde) und Karsten Ferdinand Meyer (nach seinem Großvater).
 
 

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Ferdinand Hardekopf, der Übersetzer:

Ferdinand Hardekopf war nicht nur ein Dichter und Kritiker, sondern auch ein Übersetzer. Er gehörte zu den besten Französisch - Übersetzern und übersetzte über 30 Werke aus dem Französischen ins Deutsche. Ferdinand Hardekopf übersetzte André Gides Werke. André Gide bekam 1947 den Nobelpreis für Literatur. Ferdinand Hardekopf übersetzte auch die Werke von Jean Cocteau, André Malraux und vielen anderen Schriftstellern.
 
 

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Ferdinand Hardekopf verlor auf der Flucht einen Koffer, in dem das Resultat von 30 Jahren Arbeit steckte. In dem Koffer befand sich auch sein unveröffentlichtes Hauptwerk "Die Dekadenz der deutschen Sprache".
 
 

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Ferdinand Hardekopf wollte mit den Nazis nichts zu tun haben. Er verbot den Verlegern in Deutschland, seine Werke zu drucken.
 
 

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Meinungen über Ferdinand Hardekopf:




Kurt Tucholsky schrieb in der "Weltbühne" über den Band "Privatgedichte": "Erstaunlich, was (Hardekopf) alles (...) aus der deutschen Sprache herausgeholt hat, Elemente, die tief verborgen in ihr liegen, und die man ihr sonst nicht glaubt." (Aus dem Zeitungsartikel "Vaterstadt verkennt ihren Dichter").
 

1934 schrieb Hermann Hesse: "Ich halte Hardekopf für einen der feinfühligsten und gewissenhaftesten Stilisten in der jetzigen deutschen Literatur, welche an solchen Köpfen ja recht Mangel leidet." (Aus dem Zeitungsartikel "Vaterstadt verkennt ihren Dichter").
 

Thomas Mann schrieb in einem Text über Gide: "Unbedingt verdient die Übersetzung Hardekopf ein Wort des Lobes. Sie ist vorzüglich, exakt und anschmiegsam (...). Hardekopf ist, glaube ich, unser bester Übersetzer aus dem Französischen." (Aus dem Zeitungsartikel "Vaterstadt verkennt ihren Dichter").
 

Emmy Moor-Wittenbach schrieb 1963 in dem Buch "Ferdinand Hardekopf: Gesammelte Dichtungen": "Hardekopf war nicht nur der Gide-Entdecker für das deutsche Sprachgebiet. Er hat, frühere Werke mitgerechnet, dreißig Bücher, fast ausnahmslos Meisterwerke der französischen Literatur (...) übersetzt. So ist Hardekopf der unerreichte Interpret französischer Weltliteratur geworden." (S. 13)
 

In dem Buch "Die verbrannten Dichter" schrieb Jürgen Serke: "Einer, der nicht in sein Heimatland zurückkehrte, hieß Ferdinand Hardekopf, stammte aus Varel bei Oldenburg, war einer der wichtigsten Männer des Frühexpressionismus, (...)". (S. 289)
 

Über die Bedeutung von Ferdinand Hardekopf steht in dem Zeitungsartikel "Zu Ehren von Ferdinand Hardekopf": "Ferdinand Hardekopf (1876-1954), geprägt durch die Dichtung des Jugenstils, gehört zu dem bedeutenden Kreis der Anfang dieses Jahrhunderts aufblühenden expressionistischen Dichtung. Die Expressionisten verstanden sich als radikale Erneuerer der Kunst gegen die eingefahrenen Traditionen des gründerzeitlich-wilhelminischen Deutschland. Aufhebung der Trennung von Kunst und Alltag war eine der wichtigen Forderungen."
 

In dem Zeitungsartikel "Ferdinand Hardekopf - ein Opfer der Bücherverbrennung" steht über Ferdinand Hardekopf: "Er war einer der Wegbereiter des Frühexpressionismus und hatte als solcher einen großen Einfluß auf die jüngere Schriftstellergeneration."
 


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