Der Zusammenbruch der „Welt in der ich lebte“ -

Ilse Losa und die Verfolgung der Juden in Deutschland

 

Ilse Losa ist Jüdin, doch auf Grund ihrer assimilierten Lebensweise und der Tatsache, dass sie ihre Religion nicht so streng ausübt, wie es die Thora, das Regelwerk des Judentums, verlangt, merkt man ihr ihre jüdische Abstammung nicht an.

 Zu Anfang ihres Romans äußert sie den Wunsch eine Christin zu sein, um „zu ihnen zu gehören, den anderen, die sonntags unbeschwert in die Kirche gingen und einen allgemein anerkannten Gott verehrten, einen Gott, der zum Dorf gehörte, (...) während unser Gott keinen guten Ruf zu haben schien. Außerdem beteten wir in einem Haus, das Synagoge hieß, was gegenüber dem Wort „Kirche“ fremd klang.“ (Seite 52)

Für ein fünf Jahre junges Mädchen war dieser Wunsch wie die anderen zu sein keine Besonderheit, so dass sie auch die Worte ihres gläubigen Großvaters: „Du kannst stolz darauf sein, eine Jüdin zu sein“ (Seite 42) nicht nachvollziehen kann, schließlich ist alles, was sie von Andersgläubigen über Juden hört und selbst erfährt, negativ.

Obwohl sie in der Öffentlichkeit nicht als Jüdin auffällt, wird in ihrem Roman deutlich, dass sie sich innerlich doch recht intensiv mit dem bestehenden Judenhass auseinandersetzt.

Als junges Mädchen fragt sie einmal den jüdischen Religionslehrer, der ihr zu Hause auf Wunsch ihres Großvaters Religionsunterricht erteilt, warum es Leute gebe ,die die Juden hassen. „,Das ist schwer zu beantworten, Rose,“ erwiderte er. „Einige behaupten, wir seien ein intelligentes Volk, und sind neidisch auf uns. Andere hingegen glauben, unser Schicksal sei ein von Gott bestimmtes Unglück. Und dann gibt es auch solche, die uns für minderwertig und böse halten.“ „Aber wir sind doch wie alle anderen Leute,“ sagte ich. „Natürlich sind wir wie alle anderen Leute,“ entgegnete er, aber wir sind nur wenige, und wenige können sich gegen viele nicht verteidigen.“ (Seite 119)

Selbst unter den leichtgläubigen Kindern spricht sich die Behauptung schnell herum, dass die Juden ein niederes Volk seien. Dieses bemerkt Rose Frankfurter auch in dem Verhalten ihrer Schulkameraden und bei „den Festen, zu denen mich meine Mitschülerinnen einluden, schützte ich sogar Kopfschmerzen vor, um nicht an den Spielen teilnehmen zu müssen, weil ich fürchtete, jemand könne sich über die Juden lustig machen.“ (Seite 140)

Ihr Großvater Markus, den sie sehr schätzt, versucht ihr in ihrer Kindheit das Judentum näherzubringen, denn ist „die Mahlzeit beendet, setzte Großvater ein Käppchen auf und betete mit auf dem Schoß übereinandergelegten Händen. Dann hob er mich von meinem Stuhl, nahm mich zwischen seine Knie und legte mir die rechte Hand auf den Kopf. So segnete er mich Tag für Tag, immer mit der gleichen Ruhe, der gleichen Feierlichkeit, der gleichen Liebe.“ (Seite 15)

 Auch besucht sie, obwohl sie noch sehr jung ist, zusammen mit ihren Großeltern die Synagoge in Buer. Ihr Vater übt die Bräuche des Judentums allerdings in keiner Form aus. Auch mit ihrer Mutter kann sie sich kaum über religiöse Fragen unterhalten. Dieses hat zur Folge, dass sie sich nicht als Jüdin im Sinne des Wortes versteht.

Als Rose Frankfurter zusammen mit ihrer Mutter nach Hildesheim kommt, spürt sie, dass der Antisemitismus immer stärker zunimmt, denn „der Name Adolf Hitler war in aller Munde. In Zeitungen und Zeitschriften begegnete man immer häufiger Karikaturen von geldgierigen Juden mit Hakennasen, Glotzaugen, brutalem oder lüsternem Gesichtsausdruck und feinsten Händen, an denen protzige Ringe prangten. Niederträchtige Artikel über angebliche religiöse Praktiken in Synagogen und jüdischen Häusern wurden veröffentlicht. Man ging so weit zu behaupten, die Juden töteten Kinder in der Passahnacht, in der sie den Messias erwarteten.“ (Seite 173) „Den Juden gab man die Schuld an allem Unguten: an der Wirtschaftskrise, der Arbeitslosigkeit, den niedrigen Löhnen. Man machte uns verantwortlich für das Unglück Deutschlands und der ganzen Welt. Die Juden sind unser Verderben, war die Tageslosung.“ (Seite 180/181)

Schon in Melle ist sie vereinzelt diesem Antisemitismus begegnet, jetzt wird die Bedrohung lebensgefährlich.

Nachdem Rose Frankfurter schon längere Zeit in Berlin gelebt hat, wird ein Brief abgefangen, in dem eine negative Meinung über das bestehende Hitler-Regime geäußert wird. Dadurch kommt es zur Vorladung bei der Gestapo. Dort wird sie wie folgt von einem Gestapo Beamten auf Grund ihrer Religion befragt: „Also sagen Sie mal, Jüdin Frankfurter: Wissen Sie, dass die Juden eine minderwertige Rasse sind, die ausgerottet werden muss? Dass sie unser Verderben sind? Schlimmer als Läuse? Aber das können Sie natürlich nicht verstehen.“ (Seite 229)

 Doch da Rose Frankfurter nicht dem typisch jüdischen Erscheinungsbild entspricht, „mit (...) breiten Schultern, der gebogenen Nase, den mandelförmigen Augen und dem dunklen Haar“ (Seite 121), entlässt sie der Beamte bewusst mit der Forderung nach fünf Tagen wieder auf dem Polizeipräsidium zu erscheinen, denn „in fünf Tagen wissen wir, wohin wir Sie schicken sollen, Jüdin Frankfurter.“ (Seite 230) Nun steht für Rose Frankfurter fest, dass sie Deutschland innerhalb dieser Zeit verlassen muss. Diese immer stärker werdenden judenfeindlichen  Handlungen führen also zu ihrer Flucht nach Portugal im Jahre 1934.

Wie so viele Menschen in Deutschland wird auch Ilse Losa unter dem Druck der Verfolgung zur „Jüdin“.

 

In Portugal, dem Land, in dem Ilse Losa jetzt schon seit 66 Jahren lebt, bekommt sie von der grausamen Judenverfolgung, die  während des 2.Weltkrieges in Deutschland  stattfindet, nur am Rande etwas mit. Im Unterschied zu Millionen anderer Menschen überlebt Ilse Losa, aber „Die Welt in der ich lebte“ hat sie verloren.

 

 

 

Quellen:

- Zeitzeugin Frau Niemeyer

- Roman „Die Welt in der ich lebte

    Zurück

von: Sarah Heyn, Bettina Hoffmann, Friederike Manthey