Jan Peter Bremer las in Jameln aus seinem Roman "Der Feuersalamander"
 
Kafkaeske Alltäglichkeiten
 

tj Jameln. Eigentlich ist alles ganz einfach. Ein Schriftsteller, dem die Inspiration zu neuen Werken fehlt, will seine Schaffenskrise bewältigen. Er verlässt - mit der Absicht einer späteren Rückkehr - Frau und Kind, setzt sich in einen Zug und findet sich nach zweitägiger Reise in einem Café in einem Gebirgsstädtchen, von dem er "eigentlich gar nicht genau sagen" kann, "wo es war, denn ich weiß gar nicht wie es heißt". Dort bestellt er erst einen, dann noch einen Kaffee; vor sich hat er einen Stapel Postkarten, auf die er sie bannen will, die "verzärtelten", "verzogenen" Ideen, "die an ihm zerren".

Das ist das Ausgangsszenario von Jan Peter Bremers Roman "Der Feuersalamander", dessen ersten Teil der Ingeborg-Bachmann-Preisträger am Sonnabend in der gut besuchten Kunsthalle Jameln las. Ein ganz benaler Bericht vom Ankommen in einer Fremde, so mag das wirken, was der Ich-Erzähler des "Feuersalamander" zu berichten hat. Banal sind auch die Begegnungen mit dem Kellner, mit einem betrunkenen Gast, banal sind die Situationen, die der vor der Normalität geflohene Autor, das Rattern des Zuges noch im Ohr, erinnert: Frau und Kind, das Zimmer zu Haus.

Doch solche Erlebnisse und Gedanken hindern ihn, seiner Absicht zu folgen, denn alle verselbständigen sich, beginnen schnell, über den Willen, zu schreiben zu dominieren. Und so bleiben sie leer, die Postkarten, die der Autor an den "einen und einzigen" schreiben will, den "bisher niemand außer mir erblickt" hat, an "meine Gestalt, die sich an mich lehnte" und die er fürchtet bereits zerdrückt zu haben. "Ich weiß nicht, ob das nützlich ist", sagt der Betrunkene an einer Stelle. Die Antwort des Autors im Roman: "'Es ist Kunst', schrie ich."

Lesung
In der Kunsthalle Jameln
las Jan Peter Bremer am Sonnabend

Vehement besteht der Erzähler auf ihr, vehement schiebt sich immer wieder der Alltag vor den schriftstellerischen Impuls, und nichts, keine Beschwörung, kein Wollen, lässt den Fluss des Schreibens neu beginnen. Der Schriftsteller sucht die Unschuld, doch "wir alle haben in unseren Gedanken ein Ziel oder eine Erwartung".

Wie eben die Begegnungen und Erinnerungen. Sie sind unspektakulär, und doch bekommt die Geschichte durch ihre hintersinnig geschilderten Konfrontationen mit dem erzählenden Schriftsteller einen deutlichen Schlag ins Absurde, Figuren und Atmosphäre treiben immer wieder in einen kafkaesken Kosmos der Unalltäglichkeit. Der Text ist dicht gewoben, sein rasanter Beat genau das Gegenteil des geschilderten, stockenden Schaffensprozesses. Kleine Nuancen lassen die Atmosphäre unvermittelt ins Irreale kippen, kleine Variationen holen sie wieder in Regionen des Alltäglichen zurück. Klar, Modulationen der Stimme auf Andeutungen beschränkend, rasant, fast atemlos, las Jan Peter Bremer - ein Ritt auf des Messers Schneide.

 
aus der Elbe-Jeetzel-Zeitung vom 23.5.2000
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