Interview mit Jan Peter Bremer vom 29. Januar 2000
 
Lieben Sie es aufzufallen ?
  Ich mochte es eine Zeit lang ganz gerne, so bunt auszusehen.
 
Beschränken Sie sich auf Ihren "Aufgabenbereich" oder sind Sie noch anderweitig aktiv ?
  Ich habe eigentlich nie etwas anderes gemacht außer Schreiben. Früher, als jüngerer Mann, habe ich noch gejobbt. Und jetzt mache ich Familie: Meine Frau geht arbeiten, ich mache viel mit den Kindern und Literatur und bin zur Hälfte Hausmann.
 
Verschleiern Sie im Grunde nicht die gesamte Aussage eines Buches
durch die Verwirrung des Lesers ?
  Eigentlich nicht, weil es ja keine direkte Aussage gibt. Die Vermittlung findet zwischen dem Leser und dem Buch statt und nicht zwischen dem Autor und dem Leser. Die Bücher sind alle so, dass sie den Leser nicht direkt an die Hand nehmen und sagen "Pass mal auf, jetzt sehen wir uns die Welt an und die ist so und so".
 
Wer oder was hat Sie am meisten beeinflusst ?
  Reinhard Lettau, der mit meinen Vater befreundet, relativ häufig bei uns zu Gast war und ganz konzentrierte Kurzprosa geschrieben hat. Es sind sehr formale Texte, die aber auch einen bestimmten Witz haben und sehr pointiert und scharf gedacht sind. Und das hat mich beeindruckt und beeinflußt. Er war oft hier und hat sehr streng über Literatur gesprochen. Als Kind habe ich immer mit ganz großen Ohren dagesessen und zugehört. Es ist aber schon so, dass mich letztendlich andere Autoren wie Robert Walser oder Franz Kafka am meisten beeinflusst haben, also aus der Moderne.
 
Ist der Kontrast zwischen der Einfachheit der Sprache und der Komplexität des Inhaltes wichtig ?
  Aber es gibt keine Einfachheit! Das ist eigentlich alles kompliziert. Die Sprache ist ein Ordnungssystem, um die Welt zu ordnen. Irgendwann lässt sie sich aber nicht mehr richtig ordnen: Die Sprache funktioniert dann weiter, in ihrer einfachen Art und Weise, aber sie ist trotzdem verwirrend.
 
Wieso scheitern Ihre Figuren ?
  Letztendlich sind sie alle Zwangscharaktere: Sie sind "aufgezogen" wie aufziehbare Blechfiguren und gehen dann los. Sie bleiben erst stehen, wenn die Energie völlig weg ist. Ganz egal wie die Welt reagiert, sie guckt befremdet und erstaunt dahin, aber die Figuren gehen immer denselben Weg und machen immer denselben Lärm dabei.
 
Hat jeder Schriftsteller Schreibhemmungen ?
  Die ernsthaften Schriftsteller haben Schreibhemmungen.
 
Ist das ein Grundproblem Ihrer "Zunft" ?
  Es ist schwer, das zu erklären. Man kann alles mögliche aufschreiben, aber es geht darum, die Geschichten im Boden zu verankern, dass sie einen Sinn machen, sonst fliegen die Geschichten auf einmal weg. Das geht mir zum Beispiel genauso: Natürlich kann ich mich hinsetzen und mir eine Geschichte ausdenken, aber meistens funktionieren diese Geschichten nicht, weil sie nicht in der Welt verankert sind. Ein Buch braucht eine harte Zementplatte und einen Sinn.
 
Das Interview wurde im Gümser Schloss an einem regnerischen Januartag von Sibylle Draber und Axel Hildebrand aufgenommen.
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