Leseprobe
"Der Fürst spricht"
 

[...]

 

Heute traf der neue Verwalter ein. Der Fürst war bereits angekleidet. Er trat ans Fenster seines Schlafgemachs und erblickte ein Mädchen, das vor dem Schloß, am Wegrand, in der Sonne lag.

Es war noch sehr früh.

Blau stand der Himmel über dem Reich. Der Fürst hob den Blick vom Mädchen den Weg hinauf. Der neue Verwalter war für den Morgen angekündigt. Noch war alles still, und der Fürst wandte sich in den Raum zurück.

In der Mitte des Raumes stand das Bett. Über dem Bett hing eine Schnur. Der Fürst ging auf sie zu, läutete, setzte sich auf das Bett und blickte zur Tür. Dann erhob er sich langsam, zog noch einmal an der Schnur und trat zurück ans Fenster.

Das Mädchen war nicht mehr allein.

Ein junger Bauer saß neben ihr in der Wiese. Sie nahm ihm seine Mütze vom Kopf, strich über sein Haar und richtete sich auf. In diesem Moment öffnete sich die Tür. Der Fürst wandte sich um. Der Hofmeister blieb in der Tür stehen, verbeugte sich und trat auf den Fürsten zu.

Der Fürst blickte wieder zum Fenster hinaus. Das Mädchen stand dem jungen Bauern gegenüber, hielt seine Hände in ihren Händen und küßte sie. Dann drehte sich der junge Bauer um und rannte den Weg hinauf, dem Dorf entgegen. Das Mädchen sah ihm nach, hob die Mütze auf, die vor ihr auf dem Boden lag, und drückte sie an ihre Brust.

"Wer ist sie?", fragte der Fürst, ohne daß er sich dem Hofmeister zuwandte.

Der Hofmeister warf am Fürsten vorbei einen Blick aus dem Fenster. "Sie heißt Maria", sagte er, "sie arbeitet in der Küche."

"Ich habe sie wohl einige Male im Schloßhof gesehen", sagte der Fürst. "Es ist nur schon lange her. Sie ist ein hübsches Mädchen geworden."

"Da haben Sie recht", sagte der Hofmeister. Es ist eine Freude, sie anzusehen. Sie ist immer heiter und unbeschwert, und noch nie ist eine Klage aus ihrem Mund gekommen."

"Hören Sie denn manchmal Klagen?" fragte der Fürst.

"Nein", antwortete der Hofmeister und schüttelte den Kopf. "Es ist für uns alle ein großes Glück, Ihnen dienen zu dürfen."

"Vielleicht", sagte der Fürst und wandte sich zu dem Hofmeister um, "gibt es auch Menschen im Reich, die nicht so glücklich sind und Sie wissen nur nichts von ihnen."

"Unglückliche Menschen", antwortete der Hofmeister, "gibt es überall."

Der Fürst blickte ihn lange an. "Das ist wahr", sagte er dann.

[...]

(S. 7 - 9)

Startseite  Inhaltsverzeichnis