Die Charaktere aus
"Der Fürst spricht"
 

Der Fürst

Die Hauptperson dieses Romans ist zweifellos der Fürst. Sein Charakter ist ebenso faszinierend wie komplex und kann in seiner Vielschichtigkeit kaum erfasst werden. Innerhalb des einen Tages, während dessen die Geschichte stattfindet, werden viele Seiten seiner Person sichtbar. Er spielt verschiedene "Rollen", nämlich die des Regenten und Herrschers, die des "gewöhnlichen" Menschen (zeigt Gefühle) und die des "Freundes"

"’Wir werden einmal einen strengen, aber gerechten Fürsten bekommen’," erzählt ein Diener aus der Kindheit des Fürsten. "’Sie haben recht behalten’, sagte der Hofmeister." Seine Bediensteten stehen dem Fürsten also durchaus positiv gegenüber, was er allerdings stets bezweifelt. Die Einsamkeit, mit der er die Tage verbringt, haben ihn von den Urteilen anderer abhängig gemacht. Er unterwirft sich ihnen regelrecht und lebt in der ständigen Angst, man mache sich über ihn lustig. In seinem Verhalten, Tun und Handeln sucht er die Bestätigung Dritter ("Sie glauben mir doch, dass ich ihn geliebt habe?").

Des Fürsten Problem ist die Einsamkeit, in der er lebt. Sein größter Wunsch ist daher, einen Freund zu haben, den er krampfhaft und beinahe verzweifelt versucht zu finden. In der Ankunft des neuen Verwalters sieht er deshalb seine Chance. Da aber ein Diener den neuen Verwalter bereits am Vorabend empfangen hat, befürchtet der Fürst, der Hofmeister könne ihm zuvor gekommen sein und sich mit dem Verwalter schon angefreundet haben. Aus dieser Angst heraus entwickelt er schließlich auch die Intrige gegen den Hofmeister.

Launisch, ungeduldig und mimosenhaft verhält sich der Fürst. Taktlos teilt er seinen Mitbürgern bei der Beerdigung des alten Verwalters mit "dennoch bin ich glücklich, Euch mitteilen zu können, dass ein neuer Verwalter gefunden ist. Er wird bereits morgen eintreffen".

Manchmal bockig wie ein kleines Kind, manchmal traurig und verwirrt, ist der Fürst oftmals in einer Art Tagtraum gefangen, aus der er sich nicht befreien kann.

Seine eigenen persönlichen Probleme, wie seine Unfähigkeit, Gefühle anderen Menschen gegenüber zu zeigen, Unkenntnis von Freundschaft und seine Einsamkeit, wälzt der Fürst auf den Hofmeister und den neuen Verwalter ab, die die Probleme des Fürsten nun mehr oder weniger lösen sollen.

 
Was haben Loriots und Jan Peter Bremers Charaktere gemeinsam ?
Loriot (Bild 1) Loriot (Bild 2)
 

Der neue Verwalter

Der neue Verwalter ist ein großer schlanker Mann, dessen linker Arm gelähmt ist, so dass er ihn nicht bewegen kann. Er stammt aus einfachen Verhältnissen und lebte zuvor mit seiner Mutter zusammen. Sein Bruder starb bereits sehr früh.

Äußerst zuvorkommend und respektvoll erscheint der Verwalter, der auf keinen Fall Unannehmlichkeiten bereiten und auffallen möchte, und das Schloss in der Nacht deshalb durch den Dienstboteneingang betrat. Hätte ihm niemand mehr zu dieser späten Stunde geöffnet, so hätte er sogar draußen geschlafen.

Als der Verwalter erkennt, dass den Fürsten etwas bedrückt, versucht er sogleich ihn aufzumuntern: Er erzählt ihm Geschichten und bewundert dessen Kutsche. Er ist bemüht, dem Fürsten zu helfen und ihm zu dienen, wobei er ihm in bezug auf den Hund beipflichtet, aber nicht lügen will. Schließlich lässt der Verwalter sich doch zu einer Lüge hinreißen (nächtlicher Besuch des Hofmeisters), was allerdings zum Wohle des Fürsten und seiner Anstellung bei Hofe geschieht. Über das überwältigende Büro ist er so glücklich, dass er sagt: "Für immer und ewig werde ich ihm (dem Fürsten) dienen. Kein Tag soll vergehen, an dem ich nicht ausschließlich für ihn da bin".

Der neue Verwalter erscheint für seinen Beruf wie geschaffen. Da er sehr pflichtbewußt und arbeitsam ist, müsste er auf den Fürsten sehr positiv einwirken. Es ist daher nicht ganz nachzuvollziehen, wieso der Fürst den neuen Verwalter am Ende aus dem Schloss wirft.

Der alte Verwalter

Der alte Verwalter tritt in dem Buch gar nicht mehr in Aktion, weil er schon gestorben ist. Der Hofmeister, sein Freund, beschreibt ihn als "kleiner, vornehmer Mann, der immer freundlich war". "Der alte Verwalter war bei allen beliebt" sagt der Fürst bei dessen Beerdigung. Er "lebte in einem Zimmer, das kleiner war als manch eines von den einfachen Bediensteten. Dennoch bat er nie um ein anderes. Er war mit seinem Zimmer zufrieden". Mit dem neuen Verwalter sprach der Fürst ebenfalls über den alten: "Er war ein vornehmer Mensch. (...) Er war viel kleiner als Sie, aber er war immer freundlich, und wenn er nicht arbeitete, lachte er leise vor sich hin."

Der Hofmeister

Der Hofmeister ist bereits vor des Fürsten Geburt an den Hof gekommen, ist dementsprechend alt und versteht sich mit seinem Herrn besonders gut, müsste man meinen. Aber der bedauernswerte Hofmeister kennt sich, mit Verlauf der Geschichte, immer weniger ihm aus. Schließlich bricht er sogar unter der Behandlung des Fürsten zusammen: "Der Hofmeister fiel auf die Knie, bedeckte das Gesicht mit den Händen und begann zu zittern".

Vorher wird er als verläßlich und stets beschäftigt beschrieben: "Der Hofmeister (...) berichtete unaufhörlich, was er den Tag über alles erledigt hatte. Wenn der Fürst nach ihm läutete kam er sofort". Der Fürst spricht ihm sein Vertrauen aus, findet ihn als Gesprächspartner allerdings nicht geeignet.

Der Hofmeister ist mit dem alten Verwalter befreundet gewesen und deshalb von dessen Tod auch innerlich getroffen. Wie der Fürst ist er von dem neuen Verwalter angetan und versucht wie dieser, den Fürsten aufzumuntern, wenn er mal betrübt ist.

Die Frage, wieso sich der Hofmeister am Ende erhängt, bleibt letztlich unbeantwortet.

Der Hund

Der Hund ist ein wichtiges Symbol, das im Lauf der Erzählung an mehreren Stellen zum Vorschein kommt, hauptsächlich in "Kapitel 5", wo sich der Fürst mit dem neuen Verwalter unterhält. "Das Tier verkörpert quasi ein Hoffnungsprinzip, auch ein Liebesprinzip, eine Liebe, die sich der Fürst den Menschen nicht zugestehen kann, steht er sich gegenüber dem Hund zu, sagt es zumindest. Dadurch möchte er als weiche und sensible Figur erscheinen. Er ist blockiert. Indem er sagt, er habe diesen Hund wirklich geliebt, möchte er dem neuen Verwalter zeigen, dass er zu Liebe fähig ist."

Maria

Maria kommt bloß an zwei Stellen vor und ist die einzige Person des Romans, die einen richtigen Namen hat. Nun könnte man meinen, sie spiele keine wesentliche Rolle, aber sie ist "ein Gegenstück zum Fürsten selbst, ein ganz anderer Begriff von Leben oder wie Leben auch sein könnte, beziehungsweise eine gewisse Natürlichkeit".

Sibylle Draber
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