Leseprobe
"Feuersalamander"
 

Ich hatte nur eine Idee, ein Mensch.

Wieder wollte ich auf ihn zu.

Ich saß unter blauem Himmel in einem Café und atmete tief die Bergluft ein. Dann nahm ich von einem Stapel mit Postkarten, den ich vor mich auf den Tisch gelegt hatte, die oberste herab, drehte sie auf die leere Seite, zog das Etui aus meinem Jackett, öffnete es mit einem Ruck und nahm den Stift heraus. Der Kellner erschien an meinem Tisch, und ich legte den Stift auf die Postkarte.

"Möchten Sie etwas trinken?", fragte er.

"Kaffee", antwortete ich, "viel Kaffee, bitte."

"Wir haben nur Tassen", sagte der Kellner.

Ich nickte, setzte die Ellenbogen auf den Tisch, stützte den Kopf in die Hände und sah dem Kellner nach.

‚Es ist alles klein hier’, dachte ich und hob den Blick. ‚Selbst die Berge sind eigentlich nicht groß. Hinter dir, nur wenige Minuten entfernt, ist der Bahnhof, und da, das Haus mit der Fahne, ist bestimmt das Rathaus.’

Ich lehnte mich zurück und nahm den Stift wieder in die Hand. ‚Du hättest dir keinen besseren Ort aussuchen können’, dachte ich. ‚Nichts kann dich hier ablenken. Schon morgen wirst du jeden Winkel dieses Städtchens kennen. Dann wird dich nichts mehr halten, dann gibt es nur noch deine Figur, und nur deiner Figur wird dein Blick folgen.’

Ich drückte die Fäuste vor die Brust. "Es ist genau so, wie du es dir vorgestellt hast", flüsterte ich und sah auf.

Der Kellner stellte den Kaffee vor mich hin. Ich zog aus der Tasche etwas Geld und legte es auf den Tisch. Der Kellner war schon wieder weg. Ich nahm einen schluck. "Herrlich", entfuhr es mir, und ich blickte auf die Postkarten. ‚Hier wirst du jetzt jeden Tag sitzen’, dachte ich. ‚Jeden Tag wirst du dich hier über deine Postkarten beugen. Gleich morgen früh kaufst du noch mehr.’

Ich hob den Kopf und sah mich um. Es waren nicht alle Tische besetzt. ‚Sehr gut’, dachte ich, ‚hier bist du ganz für dich. Die Gäste sind alle alt. Von denen wird dich niemand belästigen. Höchstens der Kellner bleibt am Abend mal, indem er dir die letzte Tasse Kaffee bringt, an deinem Tisch stehen. ‚Sie haben aber viele Freunde’, spricht er zu dir hinab, und du antwortest ihm: ‚Sie haben recht. Ich habe viele Freunde. Die Postkarten aber schreibe ich nur an einen einzigen, und diesen einzigen hat, außer mir, bisher noch niemand auf der Welt erblickt.’

(S. 7 - 8)

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