"Feuersalamander"
Die Idee
 

"Ich hatte nur eine Idee, ein Mensch" (1). Mit diesem Satz beginnt der Roman Der Feuersalamander. Stellvertretend für das gesamte Werk steht dieses Wortgefüge, hat doch der Schriftsteller Stefan nur eines im Kopf: seine Idee. Sie wird personifiziert, soll ein tragischer Mensch sein, eine Romanfigur eines Buches, welches er einmal schreiben will. Sie ist sein persönlicher Held, der ihn anzieht und abstößt, beides zugleich, immer und überall. Stefan fühlt sich zu ihm hingezogen: "Immerzu wollte ich ihn umarmen und an mich pressen" (18). Stefan braucht seinen Helden, denn dieser gibt ihm neuen Mut; er kann sich ein Leben ohne ihn bald nicht mehr vorstellen: "Du bist mir das Liebste auf der Welt" (19).

Dieser Held ist keine surreale Fiktion, für den Schriftsteller hat er längst menschliche Züge angenommen: "Meine Gestalt ist ein schwacher, unglücklicher Mensch" (18). Die Beschreibung des Protagonisten im Buch, welches der Schriftsteller verfassen will, erinnert an Stefan selbst; sie scheint autobiographische Züge zu besitzen (siehe auch Kapitel 5 "Der Schriftsteller Stefan").

Schließlich trifft Stefan auf den Betrunkenen und der anfänglichen Skepsis weicht die neu gewonnene Erkenntnis: "So also (...) sieht der Mensch aus, den die ganze Zeit gesucht hast" (37). Die Idee wird zum zweiten Mal personifiziert, diesmal jedoch an einem konkreteren Beispiel.

Doch Stefan fürchtet, dass die Idee zu viel Platz in seinem Leben einnehmen wird, dass er sie und sich dann nicht mehr kontrollieren kann, dass sie sein "ganzes Leben unterwerfen wird, dass sie dich in unbekannte Abgründe stürzt." (47)

Denn schon jetzt drehen sich seine Gedanken fast nur noch um diesen mysteriösen Einfall. Fängt er an zu träumen, kommt er meist schnell auf die Idee, beinflusst sie doch sein ganzes Denken. Den vom Leser erwarteten Rückschwung zu anderen Themen findet er nicht, statt dessen scheint die Idee seinen Gedankenfluss einzuschränken, ja teilweise sogar zu blockieren. Stefan ist sich dieser Gefahr bewusst, doch um geeignete Gegenmaßnahmen zu ergreifen, dazu scheint er nicht fähig zu sein: "Die Idee aber, (...) wird stur und eigen, sperrig und beharrlich, (...) ist sie schon so einfügsam, dass sie das Papier zerknittert und zerkratzt, denn sie ist völlig unselbständig, verzärtelt und verzogen (...)" (21). Die Idee scheint also etwas zu sein, über was Stefan schon längst die Kontrolle verloren hat.

Er versucht sich deshalb zu distanzieren: "(...) ein Monster, mit dem du keinen Kontakt pflegen möchtest, mit dem du auch kein Mitleid empfindest, schrecklicher noch eine Totgeburt (...)" (22); doch statt dessen ist ihm die Idee näher als ihm lieb ist: "(...) ein Wesen, wie du selbst" Dies wird Stefan aber erst am Schluss gelingen.

Axel Hildebrand
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