Die Hauptfigur im
"Feuersalamander"
Der Schriftsteller Stefan
 

Der Schriftsteller Stefan ist der Protagonist dieses Romans. Er hat noch nicht viel geschrieben, aber der Wunsch, ein Schriftsteller zu sein, und vor allem als ein solcher Anerkennung zu genießen, ist ihn ihm nicht erloschen. Er erzählt uns die Geschichte dieser eineinhalb Tage.

Der Held dieses Romans ist verheiratet und hat kleine Kinder. Um jedoch endlich in Ruhe schreiben zu können, verlässt er, ohne eine Nachricht zu hinterlassen, seine Familie und fährt in ein kleines Dorf in den Bergen.

Doch zum Schreiben kommt er auch hier nicht. Seine Familie, allen voran seine Frau, und vor allem seine "Idee" wollen ihm nicht aus dem Kopf. Die "Idee" ist der Held einer Schrift, welche er verfassen möchte. Doch stellt er sich diese Person so real vor, dass sie einen einschränkenden Einfluss auf seine Gedanken hat.

An diesem Tag will er sein Leben, was bis jetzt nur aus literarischen Misserfolgen bestand, neu beginnen. Er beisst sich symbolisch in den Arm, und verkündet: "Jetzt bist du ein neuer Mensch. Jetzt kannst du beginnen. Jetzt brauchst du nur noch die Augen zu öffnen" (22).

Doch effektiv zu arbeiten, das scheint der Schriftsteller nie gelernt zu haben. In einem reuigen Selbstbekenntnis gibt er zu: "Es ist doch immer das gleiche mit dir, (...) ganz egal wo du auch bist, verträumst du deine Tage. Verirrt sich dann tatsächlich mal eine Idee zu dir, winkst du ihr nur müde zu und hoffst, daß sie dich wieder verläßt" (21). Besonders die Formulierung "Verirrt" klingt ernüchternd und selbstironisch angesichts der Tatsache, dass der Schriftsteller ja Ideen hat, sie aber nur nicht umsetzten kann.

Stefan fühlt sich beobachtet. Überall vermutet er Menschen, die ihm seine "Idee" stehlen wollen. Das liegt vor allem an seinem komischen, unnatürlichen Benehmen (beispielsweise im Café, als er anfängt auf den Tisch zu hauen und sich lautstark zu äussern). Völlig ausser acht lässt er jedoch die Tatsache, dass er allein derjenige ist, der durch seine widersprüchlichen Handlungen, die literarische Verarbeitung seiner Vision verhindert.

Manchmal kommt es ihm so vor, als habe sich die gesamte Menschheit gegen ihn verschworen. Auf Seite 60 denkt er an seine "Idee" und sagt: "Sie ist für alle Menschen gefährlich, die dich zerstören wollen, und es werden Tausende sein, Tausende, die dir fortan auf den Kopf hauen wollen, ganze Armeen fürchterlicher Menschen, die nur darauf aus sind, dich einmal in ihrem Leben packen zu können." Diese Halluzinationen und Wahnvorstellungen werden dem Leser durch Stefans Träume vermittelt.

Die "Idee" bestimmt sein Handeln. Einerseits braucht er sie als Stoff für eine Lektüre, andererseits fürchtet er sie (siehe auch "Die Idee"). Teilweise fühlt er sich so stark mit ihr verbunden, dass beide verschmelzen: "(...) begriff ich, dass es gar nicht meine Augen waren, die aus mir blickten, sondern seine [die des Betrunkenen, welcher für Stefan die "Idee" verkörpert], dass er irgendwo hinter mir war" (57).

Der Schriftsteller ist ein unglaublich misstrauischer Mensch. Jede andere Person, die er trifft, verdächtigt er zunächst ernsthaft, ihm mutwillig schaden zu wollen, an einer Art "Betriebsspionage" beteiligt zu sein. Als die Frau des Kellners ihn auf Grund seines merkwürdigen Benehmens komisch anschaut, denkt er: "Sie kennt deine Idee, (...) deshalb starrt sie dich so an. Achtung!" (89)

Stefan ist ein zwiespältiger Mensch. Einerseits liebt er sich für die Entdeckung seiner Idee ("Von Innen fühlte ich mich hell erleuchtet" [23] ), andererseits verfällt er schnell innerer Verachtung. Denn Stefan ist unglaublich sensibel seiner Umwelt gegenüber. Nachdem ihn der Betrunkene im Café verlassen hat, gesteht er dem Kellner: "Nichts im Leben hat einen Sinn. (...) Ganz gleich, wohin ich mich wende, (...) immer ist der Lohn, dass ich mich im nächsten Moment noch mehr verachte" (74). Dabei ist sein Verhalten widersprüchlich: Nach eben diesem Geständnis raunt er dem Kellner nämlich selbstbewusst zuversichtlich entgegen: "Als ich ihm (dem Betrunkenen) heute begegnet bin, habe ich plötzlich verstanden, dass er sein ganzes Leben lang auf mich gewartet hat. (...) Ich war seine einzige Hoffnung" (75). Nachdem er im vorherigen Atemzug noch pessimistisch in eine düstere Zukunft blickte, hat sein Leben nun anscheinend eine beinahe missionarische Aufgabe erhalten.

Neben, oder vielleicht gerade wegen seiner Zwiespältigkeit ist der Schriftsteller eher ein Aussenseitertyp. Er schafft schnell Probleme, ist er doch in seiner Art etwas gehemmt. Mit Menschen kann er schlecht umgehen, denn er hat kein Gefühl für sie. Besonders deutlich wird seine Art in folgender Szene: Nachdem Stefan das Café verlassen und sich auf die Suche nach dem Betrunkenen gemacht hat, stößt er versehentlich mit dem Kinderwagen einer Frau zusammen. Die Frau nimmt seine Entschuldigung an und will weitergehen, doch der Schriftsteller stellt ihr weitere Fragen und sieht nicht, dass sie die Geduld verliert. Nachdem er nicht aufhört die junge Dame zu belästigen, vertreibt ihn schließlich ein junger Mann. Stefans Selbstwertgefühl ist dadurch geknickt.

Echte Verhältnisse zu anderen Personen kann er auf Grund des eben beschriebenen Verhaltens schwer entwickeln. Er lügt die anderen an und verhindert dadurch den Aufbau jeglichen Vertrauens. So widerspricht er dem Kellner nicht auf die Frage, ob der Betrunkene sein Verwandter sei. Viel schwerwiegender ist die nächste Unwahrheit: Der Schriftsteller beschreibt ihm mitfühlend, wie sein "Verwandter" bei der Rettung einer Taube vom Autoverkehr getötet worden sei. Zu dem Geschichtslehrer, der am Ende des Romans auftaucht, entwickelt sich jedoch ein richtiges Verhältnis. Dieser gibt an, seine Probleme zu verstehen. Daraufhin benutzt der Schriftsteller, der ja gleichzeitig auch der Erzähler ist, zum ersten Mal statt der Singular Form, das Wort "wir", um die Handlung der beiden zu beschreiben.

Zusammengefasst kann man festhalten, dass der Schriftsteller Stefan ein innerlich zerrissener Mensch ist, dessen weitläufige Gedanken man nur ansatzweise erfassen kann. Obwohl der Roman nur während eineinhalb Tagen spielt, ist die Persöhnlichkeitsentwicklung des Protagonisten erstaunlich vielfältig. Seine Stimmungslage schwankt von optimistisch (Anfang) zu pessimistisch (nach dem Fortlaufen des Betrunkenen) und wieder zurück zur Ausgangssituation (nach der Versicherung an den Geschichtslehrer, nichts mehr zu schreiben). Hin- und hergerissen zwischen der Vorstellung, Ruhm und Ehre als Schriftsteller durch seine "Idee" zu erlangen und der Angst vor derselben, verbringt er die ereignisreichen Stunden in dem Bergstädtchen. Letztendlich scheitert Stefan an sich selbst, an seinem unerreichten Wunschbild.

Axel Hildebrand
Startseite  Inhaltsverzeichnis