Das Elternhaus

Fünf Jahre war Jan Peter Bremer jung, da zog die Familie in das damalige Zonenrandgebiet Lüchow-Dannenberg in das Dorf Gümse. Die verschlafene Atmosphäre dieses dünnbesiedelten, rückständigen Kreises macht sich auch in dieser Ortschaft breit. Der alte Dorfplatz strahlt eine gewisse bäuerliche Wärme aus. Alte Eichen zieren die schmalen Straßen, die fernab der Hauptstraße manchmal sogar noch Kopfsteinpflaster tragen. Die Stille wird nur durch Hundegebell und brummende Traktoren gelegentlich unterbrochen.

 
Elternhaus

Neben vielen Neubauten hat das Dorf aber auch noch eine ganze Menge wendland-typischer Fachwerkhäuser. Eines davon bewohnt die Familie Bremer. Am nördlichen Rand der Ortschaft ist es direkt am Gümser See gelegen, einem ehemaligen Seitenarm der Elbe. Schon am mächtigen Eingangstor warnt den Besucher ein Schild mit der Aufschrift "Vorsicht schläfriger Hund". Dieser ist wirklich etwas verträumt und erinnert etwas an den Vierbeiner in Bremers Roman Der Fürst spricht. Eine Weide zur linken und der See zur rechten Hand, erscheint die Hofanlage äusserst großzügig gestaltet. Sieht man über die moosbewachsene Satellitenschüssel im Gemüsebeet einmal hinweg, bekommt man einen wahrhaft stilvollen Eindruck dieses Anwesens. Skulpturen zieren das Gelände und vermitteln zusammen mit vielen anderen künstlerischen Gegebenheiten ein angenehmes Ambiente.

Das Haus wird im Volksmund als "Gümser Schloss" bezeichnet. Stellt man sich unter einem Schloss zunächst zwar etwas anderes als ein weiträumig gebautes Fachwerkhaus vor, kann man die Namengebung unter Berücksichtigung der wendländischen Verhältnisse nachvollziehen.

Auch im Innern des Gebäudes bleibt man hier dem zuvor angeschlagenen Stil treu. Viele kleine ungewöhnliche Eigenheiten ergänzen sich zum urigen Finale. An der Wand hängen zwei, sich im Paarungsakt befindende ausgestopfte Eichhörnchen. Ein Schädel dient als Aschenbecher. Liegt bei Miss Sophie in "Dinner for one" ein ausgestopfter Tiger auf dem Boden, wird dieser bei den Bremers durch ein vertrocknetes Krokodil ersetzt. Abstrakte Gemälde des Vaters Uwe schmücken die schneeweiß getünchten Wände. Und Regale voller Bücher türmen sich bis zu der balkenverhangenen Decke auf.

Beinahe heroisch hebt sich das Haus aus der Gewässerniederung des Gümser Sees ab. Ein Gefühl, das, kombiniert mit der eigenartigen Einrichtung, auf den Besucher übergehen kann. Ein markanter künstlerischer Stil, welcher so manchem Besucher zuerst als abgehoben erscheint, wurde hier bis zum Exzess angewandt.

Hier wohnte er also, der Jan Peter Bremer, in diesem wirklich eigenartigen Haus. Er, dessen Bücher ja auch nicht gerade durch gradlinige Einfachheit glänzen, sondern eher "hoffnungslos unnormal" erscheinen, hat von diesem Haus eine Menge gelernt. Stark beeinflusst worden ist er anscheinend von der besonderen Einrichtung, von den vielen künstlerisch verschrobenen Details, die sich teilweise in seinen Werken wiederfinden. So tauchen z.B. Diener des öfteren auf (Einer der einzog das Leben zu ordnen, Der Fürst spricht), welche in die Atmosphäre des Hauses passen würden.

 
Axel Hildebrand
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