Leseprobe
"Einer der einzog das Leben zu ordnen"
 

[...]

 

Von diesem Tag an räumte er auf. Jetzt hatte er eine Sonnenbrille in der Hand. Sein Blick fiel auf das Regal, auf dem er einen Platz ausmachte, über den er mit einem feuchten Lappen hinwegwischte. Dann legte er die Sonnenbrille vor eine Reihe Lexika, trat zurück, überschaute, von der Mitte des raumes aus, die neue Ordnung auf dem Regal, ging in den Flur, schloß die Augen, trat mit sicherem schritt ins Zimmer zurück, auf das Regal zu und griff nach der Sonnenbrille.

Der Platz war gut, und er öffnete die Augen.

Er stand vor dem Regal, seitlich am Tisch, drehte sich um und hatte einen Löffel in der Hand. Mit dem Löffel ging er in die Küche.

Die Wohnung war klein. Der junge Mann lebte in einem Zimmer. Vor dem Zimmer war ein kurzer Flur, der ins Treppenhaus führte. Vom Zimmer aus in den Flur getreten, bog er links in die Küche. Alle Fenster wandten sich der Morgensonne zu.

Mit den verschiedenen Zuständen, die der junge Mann herstellte, war er nie zufrieden. Immer drängte alles aufeinander und gemeinsam auf ihn zu, so daß er zurückwich, sich hinter einer Stehlampe oder einem Stuhl verschanzte, um plötzlich in der Nacht oder nach langer Überlegung am Tag hervorzuschnellen und die stattlichsten Ordnungen über den Haufen zu werfen. Die mächtigen Möbelstücke wechselten ihre Plätze.

Das Regal zog hinüber an die gegenüberliegende Wand, die Kommode wanderte vom Flur ins große Zimmer und wieder in den Flur zurück, der Schrank behauptete seinen Platz, dafür stand der Tisch jetzt neben ihm, befand sich aber wieder auf dem Sprung.

Die mühevolle Ordnung der Bücher, Feuerzeuge und Stifte war nun völlig verwirrt. Der junge Mann tappte, die Augen geöffnet oder geschlossen, schutzlos in seinem Zimmer herum, vergaß sogar, was er suchte. Alles war auf und davon, und mit dem, was die fahrige Hand griff, wußte er nichts anzufangen. In ihr lag ein Kamm. Er benutzte nur Bürsten, Kämme zerbrachen in seinen dicken Locken. Er stand auf der Straße. Ein Mädchen kam auf ihn zu und fragte: ‘Darf ich?’ Er gab ihr den Kamm und sie gab ihm dicke Bücher. Die Bücher stellte er ins regal. „Jedes einzelne finde ich blind”, sagte er. Das Mädchen zog den Kamm durch die schweren blonden Haare. ‘Meine Mutter hat die gleichen Haare’, sagte sie. „Jede Mutter hat die gleichen Haare”, sagte er, „die Väter zählen sie morgens am Frühstückstisch.” Das Mädchen fror. Sie fror oft. Er legte Kohlen in den kalten Ofen. Ihre Wange war rot. Er wollte seinen Kopf in ihre Haare legen, aber überall stach der Kamm hervor. Er ging in die Küche, in der Küche war alles voll. Die Spüle war mit Haaren verstopft. Zurück im großen Zimmer, versteckte er den Kamm unter dem großen Schrank. Kaum daß er Luft geholt hatte, war er wieder im Flur, schloß die Augen, trat vor, kniete sich neben den Schrank, griff nach dem Kamm, berührte ihn aber DerSchrank stand sicher. Ihm war warm. Er breitete die Arme auseinander. In der weiten Mitte des Raumes konnte er sich das erlauben. Er mußte sich jedoch beeilen. Dort, nah am Bett, lag eine Tube, die weggeräumt sein wollte.

[...]

(S. 7 - 9)

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