Volkshochschule
Theodor
Lessing als Mitbegründer der Volkshochschule
Ada
Lessing als Gründerin der Volkshochschule
„Volkstümliche Hochschulkurse“ gab es in Hannover bereits seit dem Jahre 1900. Wie bei den meisten Volksbildungsunternehmungen dieser Zeit wurden in erster Linie mehr oder minder unterhaltsam aufbereitete Gebiete bürgerlicher „Hochkultur“ dargeboten. An den grundsätzlichen Mängeln des Bildungssystems konnten und wollten derartige Veranstaltungen nichts ändern.
Trotz dieser Mängel bot seit 1911 auch Lessing Vorlesungen
mit philosophischen oder kulturellen Themen im Rahmen der „Volkstümlichen
Hochschulkurse“ an.
Im November des Jahres 1918 richtete sich das Hauptaugenmerk auf die sprunghaft
angestiegene Arbeitslosenzahl, welche durch heimkehrende Soldaten verursacht
wurde. Um die Freizeit der Arbeitslosen sinnvoll zu gestalten, empfahl das zuständige
„Reichsamt für Demobilmachung“ den lokalen Ausschüssen, neben
Arbeitsbeschaffungs- auch Volksbildungsmaßnahmen zu fördern (Erlass v.
23.01.1919). Es wurden deshalb zur Koordinierung und Förderung
Volksbildungskommissionen gebildet, welche den Demobilmachungsausschüssen
angegliedert waren. In Hannover wurde eine solche Kommission am 10.02.1919
gebildet. Ihr gehörte auch Theodor Lessing an, möglicherweise als Vertreter
der „Volkstümlichen Hochschulkurse“. Seine koordinierende Arbeit in der
Kommission wurde entscheidend für die Entstehung der Volkshochschule Hannover.
Ein besonderes Gewicht besaßen die vom Demobilmachungsausschuss in Zusammenarbeit mit dem Erwerbslosenausschuss eingerichteten Erwerbslosenkurse für Jugendliche, für Arbeitsuchende aus dem kaufmännischen Bereich und für arbeitslose Frauen. In diesen Kursen wurden allgemeinbildende und berufliche Grundkenntnisse vermittelt, die als Basis für eine spätere berufliche Praxis oder Ausbildung dienen sollten. Der Arbeiterbildungsausschuss schließlich plante, die in der Vergangenheit veranstalteten Vortragsreihen mit vorwiegend politischen und ökonomischen Themen wieder aufzunehmen.
Die „Freie
Volkshochschule“ entstand aus dem Bedürfnis nach einer Stätte der
Lebens- und Seelenpflege für „alle
Teile der Bevölkerung“.
Nach einer halbjährigen Vorbereitungsphase gelang es
im Herbst 1919 erstmals, einen Teil dieser verschiedenen Kursangebote (die
„volkstümlichen Hochschulkurse“ setzten ihre Arbeit eigenständig fort)
unter dem gemeinsamen neuen Titel „Freie
Volkshochschule Hannover-Linden“ anzubieten. Mit der Herausgabe des Programmheftes
vom Januar 1920 wurde eine ordnende Struktur im Kursangebot sichtbar, die aus
einem wahllosen Nebeneinander von Veranstaltungen ein einheitliches Gebilde
machte. Im gleichen Monat wurde die „Freie
Volkshochschule Hannover-Linden“ feierlich eröffnet.
Theodor Lessing nahm in der Volkshochschule eine Dreigliederung vor und ordnete den drei Abteilungen jeweils bestimmte, mit unterschiedlichen Zielen verknüpfte „Arten“ von Bildung zu.
„Wissen ist Macht“
– Basis jeglicher kultureller Entwicklung, die Neigung von grundsätzlichen
technischen Fähigkeiten und wissenschaftlichen Erkenntnissen.
„Wissen macht frei“ –
Die Chance, persönliche, geistige und materielle Freiheiten zu erlangen, die
eine fachliche, aber auch allgemeine menschliche Bildung bietet.
„Bildung macht schön“
– Auswirkungen einer umfassenden, über bloßes Faktenwissen weit
hinausgehenden Allgemeinbildung auf die Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit.
Das Ziel der Gliederung ist die Gestaltung
allseitig gebildeter, „ganzer“ Menschen.
Den organisatorischen Mittelpunkt der ansonsten
dezentral verlaufenden Volkshochschularbeit bildete die Geschäftsstelle.
Seit der Aufnahme des Geschäftsbetriebes im Herbst 1919
bis zum Jahr 1926 war sie – mit Ausnahme eines einjährigen Zwischenaufenthalts
in der Handwerker- und Kunstgewerbeschule, Neuer Weg 3 A – im städtischen
Haus Am Himmelreiche 1 untergebracht. Dabei handelte es sich um zunächst nur
einen, später aber wohl mehrere Räume in der zweiten Etage des Gebäudes, in
dem bis 1921 auch das städtische
Schulamt zu finden war.
Dieser Zustand konnte erst nach dem zweiten Weltkrieg, mit dem Bezug des heutigen Gebäudes der Volkshochschule, überwunden werden.
Zu einer Belebung der Geschäftsstelle über das rein
Geschäftliche hinaus trug vorübergehend die Aufnahme der von 1924 bis 1926 von
der Volkshochschule verwalteten ehemaligen Bibliothek des „Vereins für
Volksbibliotheken“ in ihren Räumen bei. Sie bildete anschließend den
Grundstock der städtischen Nordstadt-Bücherei.
Eine Zusammenarbeit zwischen den „volkstümlichen
Hochschulkursen“ und der neuen Volkshochschule kam nicht zustande.
Statt dessen vereinigten sie sich im April 1921
mit der „Leibniz-Akademie“, einer ebenfalls erst 1919 entstandenen Institution. Trotz mehrerer Verhandlungsrunden, an
denen Theodor Lessing für die Volkshochschule teilnahm, gelang es nicht, die
beiden Institutionen miteinander zu verschmelzen. Die „volkstümlichen
Hochschulkurse“ beendeten 1926 ihre
Tätigkeit.
Volkshochschule Hannover kooperierte mit einer Reihe weiterer, dem Anliegen der Volksbildung verbundener Institutionen Hannovers.
Eine besonders intensive Zusammenarbeit entwickelte
sich zwischen der Volkshochschule und der „Freien
Volksbühne Hannover“, einer vom Arbeiterbildungsausschuss initiierten
Theaterabonnementorganisation, die seit
1922 selbständig agierte. Beide Institutionen waren seit 1923 in einer
Arbeitsgemeinschaft miteinander verbunden, seit
1930 existierte auch ein gemeinsamer Sprechchor.
Gegen Ende der 20er Jahre sank das Interesse der
Besucher. Dies war zurückzuführen auf ein Eingreifen des Regierungspräsidenten.
Offenbar unter dem Eindruck wachsender Konkurrenz während der wirtschaftlichen
Krisenjahre wurde die Volkshochschule gezwungen, nacheinander die Nähkurse, die
technische Abteilung und zuletzt (1931)
die Handelsabteilung abzugeben. Lessing selbst hat im Laufe seiner 13jährigen
Vorlesungstätigkeit an der Volkshochschule zahlreiche Veranstaltungen im Rahmen
der allgemein wissenschaftlichen Vorträge abgehalten.
Seit 1924
wurden die Vortragsreihen thematisch unterteilt, um das wachsende Angebot noch
immer übersichtlich darstellen zu können. Hier fanden sich jetzt Angebote
unter den Rubriken Natur-, Wirtschafts- und Geisteswissenschaften sowie Kunst,
Dichtung und Heimatkunde. An der grundsätzlichen Dreigliederung des
Bildungsangebots der Volkshochschule änderte dies jedoch nichts.
Die an der Universität gegen Theodor Lessing
inszenierte nationalistische Kampagne berührte auch die Volkshochschule
Hannover. Der Herabwürdigung der Arbeit Ada Lessings durch die Studenten als „Kassiererin“
begegnete der Vorsitzende Des Verwaltungsausschusses der Volkshochschule, Grote,
mit einer Stellungnahme, in der er sich gegen derartige Angriffe gegen die
Volkshochschule und ihre Geschäftsführerin verwahrte.
Theodor Lessing schied zwar 1926 aus dem Verwaltungsausschuss der Volkshochschule aus, blieb
aber trotz aller öffentlichen Anfeindungen Dozent und setzte seine Vorlesungen
und Arbeitsgemeinschaften bis zu seiner Flucht im Jahre 1933 fort. Die Volkshochschule wurde zu einer finanziell und
sicherlich auch psychologisch wichtigen Stütze Lessings in der Zeit der
schweren Auseinandersetzungen um seine Person.
Tatsächlich arbeitete Ada Lessing, wie auch andere
Mitarbeiter der Volkshochschule, wochenlang unentgeltlich, um finanzielle Engpässe
im Haushalt auszugleichen. Eine Entschädigung für diese Opferbereitschaft muss
auf der ideellen Seite gelegen haben – in der Freude über das Gedeihen des
Projekts.
Gegen Ende ihrer Tätigkeit in der Volkshochschule
wurde Ada Lessing auch als Dozentin aktiv.
Der Rahmen ihrer Veranstaltungen, die Frauenabteilung
der Volkshochschule, später umbenannt in „Frauenarbeitsgemeinschaften“,
bestand seit 1930. Thematisch
orientierten sich die Frauenarbeitsgemeinschaften an den vier Bereichen
Haushaltsführung, Eheleben, Kinder und Erziehung sowie Arbeit und Beruf. Obwohl
sich viele Veranstaltungen offensichtlich an traditionellen Rollenvorstellungen
orientierten, deuten manche Veranstaltungstitel wie „Die
rechtliche Stellung der Frau in Ehe und Familie“ zumindest auf eine
bewußte, möglicherweise auch kritische Auseinandersetzung mit ihnen hin. Für
Ada Lessing hatten die Themen ihrer Vorträge eine eindeutig politische
Dimension.
Bei der hannoverschen Kommunalwahl am 14.03.1933
ging die NSDAP als stärkste Fraktion
hervor. Stadtrat und Verwaltungsausschuß der Volkshochschule waren umstandslos
bereit, dem politischen Druck der Machthaber zu folgen und die nun missliebige
Geschäftsführerin ihres Amtes zu entheben. Im März 1933 legte sie ihr Amt nieder, so jedenfalls von offizieller Seite.
Aufgrund ihres mit der Position verbundenen Ansehens
in der Öffentlichkeit und ihrer Verankerung in der Arbeiterbewegung zählte sie
zu jenen Gegnern des Nationalsozialismus.
Im Rahmen einer „Säuberung“ der Stadtverwaltung im April 1933 wurden über 200 Mitarbeiter entlassen. Doch das war noch nicht genug. Im August beschloss der Magistrat die finanzielle Forderung von Vereinen und Institutionen, wenn sich in ihren Reihen Juden oder jüdisch Versippte befanden. Im Zuge der Ausrichtung der Volkshochschule auf die Ziele der Nationalsozialisten schieden seit 1933 zahlreiche Dozenten aus der Institution aus.
Am 27.01.1946 wurde die
Volkshochschule Hannover wieder eröffnet. Träger der Institution war der neu gegründete „Bund für Erwachsenenbildung“,
dem neben der VHS auch die Leibnitz- Akademie angehörte. Als die ehemalige
Leiterin im gleichen Jahr aus dem Exil zurückkehrte, war an der neu gegründeten
VHS Hannover kein Platz für sie. Ganze fünf Zeilen im Kursprogramm von 1954
war es der VHS wert, als Ada Lessing am 10.11.1953
im benachbarten Hameln starb.
25. Januar
1920: Eröffnung der „Freien Volkshochschule Linden“
Unterrichtsfächer:
Rechen, Deutsch, Sprachen, Naturwissenschaften, Erdkunde, Geschichte
Handelsfächer: Deutsche
Handelskorrespondenz, Handelsstunde, kaufmännisches Rechnen, Buchführung,
Bilanzlehre, Französische Handelskorrespondenz, Englische Handelskorrespondenz
und Spanische HK., Lehrgang in Maschineschreiben, Lehrgang in Kurzschrift.
Siedlerstufe
Kurse im Nutzgartenbau
Kurse für weibliche Personen:
Hauswirtschaftskurse,( Kochen, Plätten, Säuglingspflege),
Handarbeitskurse (Nähen, Flicken, Stopfen)
Fortbildungskurse in Säuglingspflege
Reihenvorträge über alle Wissenschaftsgebiete
Kunstveranstaltungen
Führungen durch Kunststätten,
Volkskonzerte, Operabende, Schauspielabende