Der Mord an Theodor Lessing

Am 01.03.1933 bestieg Theodor Lessing mit seiner Tochter Ruth den Nachtzug Richtung Tschechoslowakei. Sein Ziel war der bekannte Kurort Marienbad. Dies sollte der letzte Zufluchtsort Theodor Lessings sein.

Mit seinen kritischen Schriften über das Haarmannverfahren, sowie seiner Vision der möglichen Folgen einer Präsidentschaft Hindenburgs, schuf Lessing Unmut bei rechten Patriarchen. Die Nazis, unter ihnen der spätere Propagandaminister Joseph Göbbels und der Chef der nationalsozialistischen Sturmabteilung SA, Ernst Röhm, verstanden es, weitere Massen gegen den Professor aufzuhetzen. Aus Unmut wurde schließlich Hass. Seine Vorlesungen an der Technischen Hochschule wurden von der nationalistischen Studentenschaft boykottiert. Konservative Professoren forderten den Abgang Lessings. Als eine Lawine von Protesten, Gegenartikeln und Streitschriften über die Familie hereinbrach, wurde das Leben in Deutschland für ihn und seine Familie immer schlimmer. Nach dem 30. Januar 1933, der Machtergreifung Hitlers, beginnt Lessing seine Flucht zu planen. Gut einen Monat später sollte es das letzte Mal sein, dass er seine Heimat Deutschland sieht.

Trotz Kontrollen durch SA- und SS-Verbände gelang das Passieren der Deutsch- Tschechoslowakischen Grenze. In Prag wurde der Bitte um politisches Asyl stattgegeben. Trotz der Einladungen in andere Länder beschloss Lessing, in der Tschechoslowakei zu bleiben, da in der Hauptstadt viele Verfolgte und Intellektuelle deutscher Abstammung waren. Das „Prager Tagblatt“, in dem er seine „anstößigen“ Texte bereits vor der Flucht veröffentlichte, war an einer weiteren Zusammenarbeit interessiert. Ein Wohnort war schnell gefunden. Die Wahl fiel auf Marienbad, eine der drei weltberühmten westböhmischen Kurstädte. Nach einigen verschiedenen Hotelaufenthalten bezogen er und sein Frau Ada, die ihm inzwischen ins Exil gefolgt war, die „Villa Edelweiß“ eines sozialdemokratischen Stadtverordneten. Zusätzlich zu seiner Arbeit beim „Prager Tageblatt“ eröffneten die Lessings am 15. Oktober 1933 ein Landerziehungsheim für Emigrantenkinder. Lessings politische und publizistische Arbeit lief auf Hochtouren. So beteiligte er sich bei Gleichgesinnten mit Vorträgen über die Lage der Juden in Deutschland, schrieb weiterhin seine Kommentare über das Wesen und die politischen Strategien der Nationalsozialisten und nahm am Zionisten  Kongress teil.

Das Problem für den rechten Mob in Deutschland war, dass seine Artikel weiterhin erschienen und eine breite Leserschaft hatten. Nicht nur in der Tschechoslowakei konnten seine Texte gelesen werden, auch in vielen anderen Blättern innerhalb Europas waren sie enthalten. Der Groll der NSDAP über diese „Anti-Deutschen“ Schriften wuchs weiter. Im Juni 1933 wurde in mehreren deutschsprachigen tschechoslowakischen Zeitungen Artikel veröffentlicht, in denen es um eine Belohnung für denjenigen geht, der die Entführung des Professors nach Deutschland arrangiert. Die Zeitungen  titelten: „Der „teure“ Prof. Lessing. Deutschland erhöht die Kopfprämie auf 80000 RM.“ Und weiter im Text: „ Wer wird sich diese Prämie verdienen wollen?“ Marienbad lag nur wenige Kilometer von dem Deutschen Reich entfernt. Somit war auf beiden Seiten der Grenze das Interesse am „Kopf“ des Kritikers  geweckt.  Nach dieser geschalteten Hetzkampagne, die Theodor Lessing verständlicherweise beunruhigte, erhielten er und seine Familie Polizeischutz der Marienbader Kriminalpolizei.

Der Mord war, zumindest das ist erwiesen, seit langer Hand vorbereitet gewesen. Wertet man nachträglich die Angaben von allen Zeugen aus, was die Marienbader Polizei in ihrer Recherche auch tat, so sehen viele Begebenheiten unmittelbar vor seinem Tod nicht nach einem Zufall aus. Vieles war im Nachhinein logisch nachvollziehbar. So wurde z.B. während des Zionisten Kongresses am Gästehaus Lessings ein Mann im schäbigen Anzug gesehen, der offenbar das Haus beobachtete und sich Notizen machte. Im Gedächtnis blieb Irene Bendova, einer Freundin des Professors, auch ein junger Mann, welcher durch einen scheinbaren Zufall, mit ihnen in einem Cafe zusammentraf und im klaren Hannoverschen Dialekt über eine gemeinsame Vergangenheit zu sprechen begann. Des weiteren registrierte man im nachhinein einen Bibelverkäufer, der offensichtlich nur dazu diente, das Haus auszuspionieren.

Der Polizeischutz konnte nicht effektiv arbeiten, da der Kongress von Lessing vorzeitig abgebrochen wurde. Der „ Prager Mittag“ vom 02. Sept. 33 schrieb dazu: „ Lessing hatte sich bei der Polizei, als er zum Zionisten Kongress fuhr, abgemeldet. Bei der Rückkehr hatte er sich nicht sofort wieder gemeldet, ...“ Die Mörder wussten im Gegensatz zu den Behörden von der vorzeitigen Abreise.

Am Mittwoch den 30. August 1933 um ca. 21.30 Uhr geschah es: Professor Theodor Lessing wurde durch die zwei Fenster seines Arbeitszimmers mit zwei Kugeln getötet. Das Zimmer war für die Mörder günstig gelegen, da es an der Hinterfront des Hauses mit Ausblick in den Garten lag. Seine Frau fand ihren Mann stark blutend und leblos an seinem Arbeitsplatz vor. 

 

Lessings Arbeitszimmerfenster 
mit Einschusslöchern
 

 

 

Sofort wurden Polizei und Ambulanz verständigt. Der Amtsarzt Dr. Schwarzkopf  konnte die Überlebenschance des Getroffenen leider als nur gering bewerten. Trotzdem wurde Lessing in das Marienbader Krankenhaus abtransportiert, in dem er wenig später verstarb.

Die Polizei  löste eine sofortige Ringfahndung aus. Sie blieb zum Ärgernis der Tschechen ohne Erfolg. Sofort wurde der Tatort untersucht. Dabei entdeckte man an der Hinterfront der Villa eine ca. 8m lange Leiter. Sie war zwischen den beiden Fenstern des Arbeitszimmers aufgestellt worden. Beide geschlossenen Fenster hatten einen Durchschuss. Ein Spürhund nahm die Fährte auf und führte die Beamten zum Rande eines Waldes, dort verlor das Tier seine Spur. In der Nähe lag ein Forsthaus. Der zuständige Förster des Waldgebietes Michael Sittner erinnerte sich an den Arbeiter Rudolf Max Eckert. Der Förster begegnete einige Tage zuvor Eckert mit einem weiteren Mann, der in einem „ reichsdeutschen Dialekt“ sprach. Obwohl nur im Vorbeigehen, konnte der Amtmann doch so viel verstehen, dass es um eine höher gestellte Persönlichkeit und um sein Arbeitszimmer ging. Eckert war deshalb bekannt, weil der ein ausgezeichneter Schütze und ein vorbestrafter Wilderer war. Der Hund fand nach einigem Suchen seine Spur wieder und führte die Beamten, was für ein grandioser Fahndungserfolg, zum Haus der Brüder Eckert. Rudolf M. Eckert war trotz der späten Stunde nicht im Hause.

Als die Sonne über Marienbad aufging wussten die Fahnder, dass es sich um zwei Täter handeln musste. Beide Patronenhülsen wurden noch in der gleichen Nacht gefunden. Der eine Täter benutze eine Pistole des Kalibers 7,65 der andere eine vom Kaliber 6,35. Mit diesem Ergebnis suchte die Polizei nach zwei Personen. Die Beamten waren sich sicher, dass der Eine Rudolf Max Eckert war. Wer aber war die zweite Person?

Als in den nächsten Tagen der Mord bekannt wurde, gab es einen Aufschrei in der tschechoslowakischen Öffentlichkeit. Bis auf Deutschland war das restliche Europa ebenso empört über diesen feigen Mordanschlag. Die Presse war damals schon schnell in ihrem Informationsfluss. Der Mord wurde sich mit Hilfe der politischen Blätter gegenseitig in die Schuhe geschoben.

 Das sozialdemokratische Tageblatt „ Freiheit“ titelte mit einem bewussten Empfänger „Hakenkreuz- Mordtat in Marienbad.“ Sein ehemaliges Heimatland sprach kein Wort der Trauer und konterte im völkischen Beobachter vom 03./04.09.1933. „ Der Mörder Prof. Lessings Sozialdemokrat!“ und weiter „Nach der Meldung des sudetendeutschen „Tag“ aus Prag haben sich alle Meldungen, die von marxistischer und jüdischer Seite aus gestreut worden sind, wonach der mutmaßliche Mörder Theodor Lessings Eckert, sudetendeutscher Nationalität sei und der NSDAP angehöre, als falsch erwiesen. Dagegen wurde festgestellt, dass Eckert, der geflüchtet ist, noch vor kurzem Mitglied der Sozialdemokratischen Partei war.“ In der Gegend um Marienbad gab es eine große Anzahl Sudetendeutscher. Hier waren auch Befürworter des Mordes zu finden. Der „ Prager Mittag“ vom 02.09.33 kommentierte: „Der Besitzer der Marienbader Großbäckerei Weiss verhaftet, da er sich öffentlich für den Mörder eingesetzt und den Mord eine lobenswerte Tat nannte.“  

Die Fahndung lief auf vollen Touren. Weitere Nachforschungen hatten Erfolg. In der Zeit vor dem Mord wurde Eckert häufig mit einem anderen Mann gesehen. Der „unbekannte“ Komplize stellte sich als Rudolf Zischka heraus. Eckert und Zischka waren beide seit dem Mordanschlag auf Prof. Theodor Lessing verschwunden. Nach weiteren Befragungen kam eine neue Person hinzu. Zischka hatte offensichtlich Kontakt zu einem gewissen Henriet Prinz Reuss. Politisch war diese Person der NSDAP zuzuordnen. Die Beobachtungen der Beschäftigten eines Hotels ergaben, dass der Prinz ein goldenes Hakenkreuz am Handgelenk trug. Seine Rolle in diesem Mordfall wurde aber nie genau geklärt. Spekulationen besagten, dass Eckert und Zischka Richtung Bayern verschwanden. Es bestand keine Hoffnung die Mörder vor einem tschechischen Gericht zur Rechenschaft zu ziehen. Vorerst wurde deshalb die Akte Lessing geschlossen.

Im Frühjahr 1935 machte der tschechoslowakische Geheimdienst folgende Notizen:

„ Nach einer verläßlichen Quelle sind die Mörder des Professor Theodor Lessing in Marienbad, Rudolf Eckert und ein gewisser Zischka, nach Verübung des Mordes nach Deutschland geflüchtet. Eckert  besitzt jetzt Personaldokumente auf den Namen Rudolf Förster und Zischka auf den Namen Theodor Körner. Beide halten sich jetzt in München auf. Um nicht gefunden zu werden, wurden sie dort in die SA- Abteilung eingegliedert.“

Eine zusätzliche besondere Neuigkeit bestand darin, dass der Spion die Namen der Auftraggeber preisgab und das war kein anderer als Ernst Röhm und ein Obergruppenführer, der nun den Posten eines Staatssekretärs hatte. Es handelte sich um den damaligen Führer der SA-Gruppe 4, Hoffmann. Man habe damals im Jahre 1933 bei einem Grenzteffen in Titscheureuth mit diesen und anderen Nazis den Mord bis ins kleinste Detail geplant. Nun war alles am Mordfall Lessings klar.

Die Bestrafung konnte leider nicht vollzogen werden.

Der Fall fiel in Vergessenheit, da mit dem Münchener Abkommen Marienbad Bestandteil des Dritten Reiches wurde. Mit der Schändigung des jüdischen Friedhofes wurde auch das Grab Lessings zerstört. Die Strafverfolgung wurde selbstverständlich unter den neuen Behörden eingestellt.

Als der Krieg im Mai 1945 beendet war, kehrten tschechoslowakische Kriminalbeamte nach Marienbad zurück. Mit Hilfe von deutscher behördlicher Gründlichkeit wurde eine erneute Aufnahme des Falles möglich. Nicht nur, dass die Akte komplett vorhanden war, es fand sich des weiteren ein Schriftstück an, in dem es um eine Auftragsbearbeitung ging. Ein gewisser Rudolf Max Eckert wünschte eine Rückführung des Namens, nachdem er aus politischen Gründen 1933 den Namen in Förster ändern musste.

Am 27.07.1945 nahmen die tschechoslowakischen Behörden mit Hilfe des amerikanischen Militärs Eckert in der Nähe von Marienbad fest. Eckert konnte nach langen Verhören zu weiteren Klärungen beitragen. Ein zusätzlicher Name wurde bekannt, Karl Hönel. Er und Zischka hätten zunächst eine Entführung geplant, aber es kam immer etwas dazwischen. Eckert gab weiter an, das Hönel, Zischka und ein weiterer Mann, den er nicht kannte, oder nicht kennen wollte, schließlich den Mord begannen und er nur Hilfsleistungen vollbrachte. Noch in der selben Nacht überschritten alle die Grenze bei Grafengrün.

Vor Gericht bestätigte Eckert seine Version der Teilschuld. Für einen kompletter Mord fehlten Zeugen und Beweise. Rudolf Maximilian Eckert wurde wegen der Beteiligung und Mithilfe am Mord zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt. Nach 13 Jahren wurde er in die Bundesrepublik Deutschland ausgewiesen, seine Spur verliert sich dort.

Rudolf Zischka soll angeblich bei einem Luftangriff  auf Stettin ums Leben gekommen sein. Karl Höhnel soll an der Ostfront gefallen sein.

Damit endet der Bericht über den Mordfall Lessing. Der Mord ist nur einer von unzähligen politischen Morden dieser Zeit und sollte wie alle anderen auch eine Mahnung an folgende Generationen sein, nicht zu vergessen. Aus diesen und anderen Gründen ist es wichtig, die Erinnerung an solche mutigen Kritiker wie ihn aufrechtzuerhalten, der mit seiner Arbeit für das Ende des Leides dieser Zeit und für Gerechtigkeit und Wahrheit stand. 

Lessings Beisetzung in Marienbad  

Quellen

  Exil und Ermordung von ?

Wer setzte die Kopfprämie? aus der HAZ vom 13.07.83

 Theodor Lessing, Porträt eines „Propheten“ von Hans H. Vallon 

 Nachlass Theodor Lessings im Stadtarchiv Hannover

 Fotoquellen:

Marwedel, Reiner: Biographie Lessings