Theodora Korte über Heimatliebe

Brief an einen im östlichen Westfalen wohnenden Landsmann, geschrieben am 29. April 1907, kurz nach dem Tode ihres Vaters, zuerst veröffentlicht unter dem Titel "Theodora Korte über emsländische Heimatliebe" in: Mein Emsland. Beilage zur Ems-Zeitung Papenburg. Jg. 1928, Nr. 12.

[...] Seien Sie überzeugt, daß die tiefe Heimatliebe, welche Ihren Brief diktierte, bei mir lebhaften Widerhall fand und es mir eine große Freude war, zu sehen, daß die Stüme und Wogen des Lebens, die Reize einer landschaftlich schöneren zweiten Heimat im Herzen eines echten Emsländers das Band nur fester knüpften, das ihn der "großen Mutter" verbindet, der Heimaterde, der er entsprossen. Ich verstehe es wohl, daß die "Emslandliebe", die Heimatsehnsucht, nicht sterben kann. Es sind ja nicht bestimmte Menschen oder Plätze, die sich ändern, denen sie gilt, sie sucht die "Seele" der Heimat, jenes undefinierbare Etwas, das mit tausend Stimmen zu uns redet, wenn wir in ihr weilen dürfen, das unserm eigenen Sein, unserer Eigenart mehr oder weniger sein charakteristisches Gepräge gegeben hat. Vielleicht gerade, weil unsere Heimat arm ist an sogenannten landschaftlichen Schönheiten, weil das Auge des Fremden achtlos oder höchstens mitleidig über sie hingleitet, hat sie solch fesselnden Zauber für jene ihrer Kinder, die sich liebevoll in sie versenken, denen sie ihre tiefen, verborgenen Reize enthüllt. Ich weiß, auch mir wird die schönste fremde Landschaft - so entzückt ich auch ihre Schönheit in mich aufnehme - nie das sein können, was das Emsland mir ist, seine grünen, blühenden Wiesen, die stille, weite träumerische Heide mit ihren ewig wechselnden Stimmungen.
Sie haben recht, es wäre schön, wenn uns ein Heimatdichter erstände, so ein ganz großer, der es verstände, seinen Heimatbildern all die zarten, feinen Farbentöne zu geben, die dem Emsland eigen sind, aber auch die markigen, kräftigen Striche, dem neben dem tiefen Verstehen auch die dichterische Gestaltungskraft gegeben ist, ein Werk zu schaffen, das den Menschen an die Seele greift, das sie zwingt, zu sagen: "Es muß ein Land sein, wert geliebt zu werden, eine gute und reiche Heimat, der solche Menschen entsprießen."
Aber auch darin haben Sie recht, wann wird dem Emsland ein solcher Schilderer kommen? Wer die Größe der Aufgabe erkennt, fühlt auch ihre Schwere, und die Genies sind selten heutzutage. Emmy von Dincklage? Manche gute Porträtstudie der Landschaft hat sie ja geliefert, aber ich meine, ihren tiefen charakteristischen Reiz hat sie nicht verstanden. Und ihre Menschen? Nun, sind das nicht oft oder meistens Kosmopoliten, die in jede Landschaft passen, eher vielleicht unter die heiße Sonne des Südens, als in unsern ernsten, schwermütigen Norden? Doch immerhin, Dankbarkeit sind wir ihr schuldig, sie hatte die Heimat lieb. Und ich denke, wie sie es getan, so soll jeder, dem die Feder eine liebe Freundin ist, versuchen, die Heimat zu verstehen und ihrer Eigenart gerecht zu werden, wenn auch "der große Wurf", das einheitliche Bild, nicht gleich gelingen will. Habe ich Unrecht? [...]

Der hier wiedergegebene Brief ist auch veröffentlicht in:
- Theodora Korte. Die Aschendorfer Heimatdichterin. Zusammengestellt v. Marianne Wulf, Alois Ovelgönne und Hans Wilhelm Zöller. Hrsg. v. Aschendorfer Heimat- und Geschichtsverlag H. W. Zöller, Papenburg: Werbeagentur Alb 1982, S. 76-77.
- Emsland literarisch. Ausgewählt, eingeleitet und kommentiert von Henning Buck. Sögel: Emsländischer Heimatbund 1997, S. 124-125.