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unter Regionale/Bunte Welt erschien folgender Artikel:

19.11.2000, 15:59

Ministerpräsident Gabriel und «Das fliegende Klassenzimmer» -
Lebenshilfe vom Landesvater in 11.000 Metern Höhe

--Von ddp- Korrespondent Bruno Brauer--

Hannover/Palma (ddp). Als hätte Paul Brägelmann es geahnt: «Ogfr. Gabriel wurde unser Ausbilder» schreibt der pensionierte Gymnasiallehrer in seinen Kindheitserinnerungen «Als die Kreuze Haken hatten». Sigmar Gabriel (SPD) ist zwar mit Brägelmanns Aufzeichnungen nicht gemeint, auch ist er auch kein Obergefreiter, dafür aber niedersächsischer Ministerpräsident, und zum Ausbilder taugt Gabriel sowieso, denn der Spitzenpolitiker ist Lehrer mit Staatsexamen. Von den pädagogischen Fähigkeiten Gabriels konnten sich am Sonntag zwölf Jungen und Mädchen der Stegemann-Hauptschule aus Lohne bei Vechta überzeugen. Für eine Unterrichtsstunde war Gabriel ihr Privatlehrer, und das in mehr als 11.000 Metern Höhe. «Das fliegende Klassenzimmer», so hieß in Anlehnung an das berühmte Kinderbuch von Erich Kästner der erste Preis eines Internetwettbewerbs, den die Lohner Projektgruppe mit einer Arbeit über Autor Brägelmann für sich entschieden hatte. Der Gewinn: ein dreitägiger Aufenthalt auf Mallorca und «als Trostpreis», wie Gabriel anmerkte, eine Nachhilfestunde über den Wolken.

Eigentlich wollte Gabriel mit den 16- bis 18-Jährigen über Brägelmanns Erlebnisse aus der Zeit der Nazi-Diktatur sprechen und daran anknüpfend über aktuelle Bezüge zum gegenwärtigen Rechtsradikalismus diskutieren. Die Erwartungen der jungen Gewinner waren vor dem Flug in jeder Beziehung hoch: «Ich schätze, dass es sehr lustig wird», hoffte Michael Deters und Marco Hüneke rechnete ganz einfach «mit dem Schlimmsten». Anfängliche Berührungsängste schwinden bereits vor dem Abflug, denn der Ministerpräsident ist «echt lustig drauf», wie Christoph Penski anerkennend feststellt. Er habe sich einen Politiker, der dazu noch Lehrer sei, «viel strenger vorgestellt», zeigt sich der 15-Jährige erleichtert. Mangelnde Vorbereitung oder einfach nur Zufall, die Schulstunde in der Boeing 737 auf dem Flug von Hannover nach Palma verläuft ganz anders als von Gabriel und den Organisatoren des Wettbewerbs geplant. Man hätte sie auch mit «Lebenshilfe vom Landesvater» überschreiben können. Was tun, wenn man ungerecht behandelt wird? «Zusammen stehen, alleine bist Du aufgeschmissen», rät Gabriel. Neo-Nazis prügeln einen Türken? «Durchgeknallt», schüttelt der Lehrer den Kopf und erläutert der Gruppe, dass die meisten Rechtsradikalen ursprünglich aus geordneten Verhältnissen kommen.

Die Jugendlichen erfahren, dass Gabriel Schülerräte wichtig findet, die Leuten wie ihm ab und zu «vors Schienbein treten», und dass der Streit um die leidige Orientierungsstufe bereits seit 25 Jahren tobe. Die Jungen und Mädchen erfahren auch, dass Gabriel in ihrem Alter «die Welt verändern wollte». Damals habe er Geld für spanische Franco-Gegner gesammelt und sich mit den Diktaturen Südamerikas auseinander gesetzt, erzählt er. Gabriels lockere Art kommt bei den jungen Lohnern an. Jennifer, Irina und Ulrike finden die hochkarätige Aushilfskraft viel besser als ihre eigentlichen Lehrer. Gabriel höre gut zu und gebe verstärkt Ratschläge. «Der hat einfach mehr Ahnung», zeigt sich Jennifer überzeugt. «Der weiß, wovon er redet», sagt sie. Keine guten Noten für das Schulwesen in Lohne, aber der gelegentlich geäußerte Vorwurf von Kritikern Gabriels, der 41-Jährige benehme sich in Debatten «oberlehrerhaft», erscheint plötzlich in einem völlig neuen Licht.

Mehr Informationen zu dem Schülerprojekt und dem Autor Brägelmann unter www.literaturatlas.de. brb/ika/srd